Allitera 2017
Allitera 2017

Francois Loeb – Zeitzeichen

 

Mannigfaltige Kurzgeschichten

 

Aus einer Vielzahl von Blickrichtungen nähert sich Francoise Loeb in seinem neuesten Werk dem Thema der Zeit. Wobei die Vielfalt der Themen und die einzelnen eher kurzen Geschichten zum jeweiligen Stichwirt nicht unbedingt rein assoziativ wirken, sondern durchaus eine Struktur aufweisen.

 

Dass die Zeit >“vergeht wie im Flug“, dass andererseits ein „Zeitmuseum“ denkbar wäre, dass in Sanduhristan“ der Wert der Zeit quasi „gesehen“ werden kann wie eine „Sekunden-OP“ (im Duktus schon „hektisch“ angelegt) abläuft, das ist treffend und in durchaus auch spannend zu lesen. Und zeugt von einem breiten und zugleich tiefen Nachdenken darüber, was die Zeit für den Menschen ist und dass es kaum wertvolleres auf Erden zu finden gibt.

 

Eine „Zeitimpfung“ könnte da, zumindest mental, für den modernen Menschen anstehen. Eine „Immunisierung gegen Zeitnot, Zeitverlust, dem Zeitzerrinnsyndrom, Überzeit, Feierzeit, Zeitvergeudung, Traumzeit, Sterbezeit“. Begriffe, die Loeb teils künstlich herstellt, die aber genau den Punkt treffen und damit den Leser umgehend mit einbeziehen in die Abläufe der vielen Geschichten im Buch und der ebenso vielen Betrachtungen. Mit den entsprechenden unauflösbaren Paradoxa. Denn zur Zeitimpfung würde gehören, die „Zeitmessung“ einzustellen und damit könnten keine allgemeine verabredete Information zu dieser „Neuerung“ erfolgen oder stringent aufrechterhalten werden.

 

Wie es der alte Satz sagt, „froh um jede Sekunde, die vergeht und betrübt über jeden Tag, der verstreicht“ bleibt das Verhältnis des Menschen zur Zeit ambivalent. Und genau diese Ambivalenz spiegelt sich im Buch immer wieder.

 

Wie im Blick auf den „Zeiterling“, der zunächst die Zeit einfach ablaufen lässt, „verdaute spielend die Jahre“ und „schmatzte die Wochen genüsslich durch“. Bis die eigene Vergänglich bewusst wird, der Wert der Zeit unmissverständlich ins Leben einbricht, die Zeit beginnt, zu rasen und am Ende der Tage Bedauern im Raum steht ob der „jungen Jahre“, in denen „er als junger Zeiterling die Tage und Stunden, Wochen und Jahr nicht schnell genug hatte verschlingen können“.

 

Erfahrungen, die Allgemeingut sind bei erwachsenen Menschen, die einen Blick auf die „Innenlage des Autors“ andeuten und den Leser (wie so oft im Buch) mit ständig kräftigen Wortbildern zum Anhalten und Nachdenken einlädt.

 

Bis dahin, dass es für die „Zeitfetischisten“ vielleicht eine Lösung wäre, direkt in ein Uhrwerk hinein zu verschwinden, Ein gelungenes Bild für all jene, die das Leben, die Ereignisse, die Zeit aus Angst vor der Hingabe immer nur „formal“ betrachten.

 

Bis hin zu jener kleinen Geschichte vom „Totschlag“, in der durch die Wahl des Motives (gerichtliche Anklage) bis hin zur ernst vorgetragenen Wortwahl unmissverständlich deutlich wird, wie leichtfertig Menschen (und das nicht nur in jungen Jahren) mit der „Zeit“ umgehen. Und daraus lässt sich folgern, dass keine „Zeit“ unwichtig ist oder ungenutzt verstreichen sollte, auch jene Momente, die man gerne „schnell hinter sich bringen würde“ eher die Aufforderung in sich tragen, auch unangenehme Ereignisse als „Chance des Lebens“ bewusst zu gestalten.

 

Eine rundweg zu empfehlende Lektüre mit klarem Blick, anregender Sprache und vielfachen Anregungen für den Leser.

 

 

 

M.Lehmann-Pape 2017