C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Francoise Garde – Was mit dem weißen Wilden geschah

 

Allein unter Fremden

 

Nicht nur aus zwei Perspektiven erzählt Francoise Garde diese bewegende Geschichte,  es gelingt ihm sprachlich zudem mit Leichtigkeit, diese beiden Perspektiven auch in ganz anderem Tonfall, mit ganz anderer Atmosphäre darzubringen und den Leser in beide Perspektiven und Ereignisstränge emotional intensiv mit einzubinden.

Ohne dass er in der Sprache pathetisch, vordergründig emotional oder zu direkt und bunt bildkräftig agieren würde.

 

In einfachen Worten erzählt Garde seine beiden Geschichten, die doch nur eine Geschichte an zwei verschiedenen Zeitpunkten und in zwei verschiedenen Welten ist.

In deren Verlauf auch die Frage sich breit macht, wo denn eigentlich in der sogenannten zivilisierten, lauten, technischen, auf Geld aufbauenden Welt ein Platz für „das ganz andere“ noch wäre. Das Unverfälschte, das direkt und einfach nur Lebende. Ein Leben, das mit Abstraktionen wie Kleidung, Status und Tauschmitteln wie Geld nichts anzufangen weiß.

 

Denn genau dieses „Urtümliche“ und Fremde wird dieser „zivilisierten“ Welt ausgesetzt. Gegensätze, die Garde in bester Weise, wie erwähnt, schon im Duktus seiner Sprache anlegt.

 

Da ist Narcisse Pelletier, einfacher Matrose, einer, der immer nur „gehorcht“ hat, dessen Stärke nicht die Reflektion, sondern das Leben im klar gesteckten Rahmen ist.

Zu Hause in der kleinen Stadt oder eben auf dem Schiff.

 

Einer, der 1843 zurückgelassen wird am Rande Australiens, in der Einöde, unter Ureinwohnern, mit denen er bald in einen ganz anderen, merkwürdigen, kaum fassbaren Kontakt tritt.

 

Der Mann einfacher Sätze und Worte in einem Umfeld ebenso einfacher, weniger, klarer Worte und Lieder. Eine ganz einfache Lebensform, die aber auf der anderen Seite ganz zugewandt ist. Einander, dem Leben, der Natur, ohne Scheu. Wobei es dauert, bis Narcisse sich integriert, die Ähnlichkeiten zu sich selbst entdeckt.

 

Knapp 18 Jahre später wird Narcisse gefunden, „gerettet“ und gerät eher durch Zufall unter die Obhut des Entdeckers Octave des Valombrun, Mitglied der geographischen Gesellschaft.

 

Die Erzählung nach dem „Fund“ des Mannes aus Octaves Sicht bildet die zweite Perspektive des Romans. In „eleganter“ Sprache, ganz dem Duktus der Zeit entsprechend, höflich, umschreibend, eine ganz andere Welt tut sich auf. Nicht nur sprachlich natürlich.

Eine Welt, in der es schwer wird, einen Platz noch für Narcisse zu finden.

 

Selbst die Eltern, der Heimatort, ernährt werden wird er dort kaum können.

Können kann er ja nichts mehr in den Augen dieser Welt.

Der Leser ahnt, dass dies kein gutes Ende nehmen wird, so elegant auch die Kleidung gewählt wird, der Mann in der Kleidung gehört nicht mehr in diese vermeintlich so fortschrittliche Welt.

 

 Einer, der aber erfahren und erlebt hat, dass er auf ganz andere Weise, woanders, ganz Teil des großen Ganzen sein durfte. Mit wenigen, einfachen Worten, in deren jedes die ganze Welt mitschwang.

 

„Wenn ich ihn befrage, lächelt er nur, gibt keine Antwort und erklärt sich nicht“.

Denn „Schweigen ist zum Schlüssel seines Überlebens geworden“. Was der Leser sehr gut verstehen wird, wenn er sich dem Ende des Buches nähert.

 

Aber erklärt sich durch sein Sein doch, wenn man, wie Octave, genau hinsieht.

 

Was beginnt wie eine Variante von Robinson entpuppt sich Seite für Seite mehr als der Versuch eines einfachen und sehr lesenswerten, klaren Blickes auf das Leben und  auf die Welt.

 

 Wobei der Leser, je weiter der Roman fortschreitet (der auf Tatsachen basiert), irgendwann seine eigene automatische und geprägte Sicht der Welt durchaus in Frage zu stellen lernt.

 

M.Lehmann-Pape 2014