Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Franziska Wilhelm – Meine Mutter schwebt im Weltall und Grossmutter zieht Furchen

 

Vom Suchen und Finden

 

Strottenheim macht nicht viel her, das ist nicht nur für Milla ganz offenkundig. Vor allem, wenn man altermäßig gerade mal um die Volljährigkeit kreist, die „Wende“ zwar schon fast ein Jahrzehnt im Raum steht, aber Thüringen an sich schon nicht der Nabel der Welt ist (oder in absehbarer Zukunft sein wird). Aber doch vertraut, das Dorf, keine Frage.

 

Gut, da ist die leicht zugängliche Bahnlinie, die in Selbstmörderkreisen nicht unbekannt ist, aber solche kommen ja meist nur einmal ins kleine Nest.

 

Selbst die anregende Nähe zu ihrem Onkel Jano hat in diesem engen sozialen Gefüge keine rechten Aussichten auf dauerhafte Erleichterung, da ist allein schon die Großmutter davor. Klaren Blickes, kritischen Auges und ohne jedes Problem mit ihren klaren Vorstellungen.

 

„Großmutter Lucia sagte, ihr Haar sei so stark, weil sie einen so starken Wille habe und der käme ja aus dem Kopf“.

 

Millas Mutter betreibt die einzige Kneipe im Dorf, das „Cafe Enders“ und so sitzt man als Familie an der Quelle all der Geschichten und Geschichtchen und weiß fast alles über alle.

 

Kein Wunder, dass Jano sich plötzlich aus dem Staub macht, als die unbotmäßige Nähe zur Nichte offenkundiger wird. Und ganz gut nun, dass Milla in Kalle einen neuen Freund findet (obwohl der nur ganz knapp eben auch nur einmal nach Strottenheim mit seiner Bahnlinie gekommen wäre).

 

„Wenn die letzte Bahn des Abends an Strottenheim vorbeigezogen war, ritzte meine Mutter für jeden Geretteten eine kleine Kerbe in das Furnierholz des Tresens“. Fast schon der Höhepunkt des sozialen Lebens, könnte man sagen.

 

Ohne Jona sieht das Leben nämlich düster aus. Mit dem neuen Freund Kalle macht Milla sich auf. Einfach so. Jona suchen. In den Gefilden der näheren und weiteren Umgebung.

Aber eigentlich ist dies auch nur ein letzter Tropfen in einem großen Fass, in dem Wunsch, wegzukommen, der Ahnung, dass es überall anders besser sein könnte als hier.

 

So wird zu Beginn der Unternehmung schon deutlich, dass, egal, ob Milla und Kalle den Onkel finden werden, die Suche auf jeden Fall zu „Findungen“ führen wird.

 

Mit einem feinen Gespür für das Alltägliche, für das, was am Wegesrand liegt, erzählt Wilhelm diese kleine, feine Geschichte von der neuen Freiheit, in der man sich erst einmal zu recht finden muss. Im Großen der ehemaligen DDR und im Kleinen der inneren Suche nach dem, was das eigene Leben an Liebe, Lust und offener Zukunft erfüllen könnte.

 

Im Rahmen von Vereinen (ziemlich viele der Zufallsbegegnungen bewegt sich in mannigfaltigen Vereinen, egal welchen, vom Sportverein bis zum Heimatverein), von alten Strukturen, von fachlichen Gesprächen über Aquarien und Sauerstoffpumpen, die gute Gelegenheit geben, dem attraktiven jungen Mann mal Einblick in den eigenen Ausschnitt zu ermöglichen (was nicht Millas Art wäre und sie ziemlich nervt, dieses „sich Heranwerfen“ anderer)

 

 

Auf einer Reise, die mehr und mehr nach Osten führt und Neuanfang, Durchgangsbegegnungen und Abschiede mit trockenem Humor gewürzt unterhaltsam und teils anrührend zu lesen in sich trägt.  In ihrer frischen, respektlosen und dennoch aufmerksamen Erzählweise findet Wilhelm für diese Geschichte genau den richtigen Ton, der Freude beim Lesen durchgehend erzeugt.

 

M.Lehmann-Pape 2014