S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Gerhard Roth - Portraits

 

Treffende Essays

 

Das Essay ist sicherlich eine der (vielen) Stärken Gerhard Roths, die er mannigfaltig in den letzten Jahrzehnten unter Beweis gestellt hat. Wichtige Themen, auch hier und da Orte (Wien) waren in dieser Hinsicht oft Schwerpunkte seines Schaffens und nun wendet sich Roth in diesem Band gesammelt (und geballt) Personen zu. Personen, die einen breiten Rahmen des menschlichen Seins darstellen, ihm persönlich bekannte und befreundete Personen, aber auch ihm durchaus weit entfernt stehende, wie die des mehrfachen Mörders Franz Fuchs.

 

Portraits in Essay Form, die weniger die Biographie der behandelten Personen nachzeichnen (auch wenn in den Darlegungen hier und da biographische Details, Erläuterungen der Entwicklung, auftauchen), sondern die von konkreten Situationen ausgehen, Situationen, in denen Roth eine Form der „Essenz“ des anderen „umkreist“ und in seiner klaren, präzisen, auf den Punkt treffenden Sprache vor den Augen des Lesers diese „Essenz“ entfaltet.

 

So trifft er August Walla, den bekannten Maler und Fotografen, in einer Nervenheilanstalt im ersten Augenblick bereits dabei an, ein Fragezeichen an die Wand zu malen, „als wolle er damit seine eigene Rätselhaftigkeit ausdrücken“. Kaum zwei Sätze sind vergangen in diesem konkreten Portrait und schon schwingen Geheimnisse, Grundlagen der Person, Fragen, Sehnsüchte, Ideen mit. Assoziationen, die Roth im Folgenden (wie in jedem anderen der literarisch und inhaltlich hochwertigen Portraits im Buch) vertieft, mal in großen Ereignissen, mal in kleinen Beobachtungen und Begegnungen beschreibt. So, wie er das Zimmer Wallas in der Nervenheilanstalt nicht nur wie einen „magischen Raum eines Zauberers“ empfindet, sondern auch bildkräftig zu beschreiben vermag, wie dieses Zimmer mit seinen vielfachen Zeichnungen an der Wand die gesamte Persönlichkeit Wallas mit ihren Ängsten, der Sexualität, der Frömmigkeit und der Frevel, der Kindheit und der Katastrophen des Lebens widerspiegelt.

 

Mitreißend treffend, so kann man die Zugangsweise Roths und seine literarische Umsetzung beschreiben.

„Ich habe alle meine Fässer geleert“ setzt Eugène Ionesco in den Raum und lässt Raum für das Essay in der „Fässerfrage“. Tintenfässer? Lebensfässer? Weinfässer? Liebesfässer? Alles geleert? Was schon nicht einfach zu klären ist, weil ein Gespräch mit Ionesco einen ziemlichen Angang bedeutet bei einem, der gerne Zeiten verlegt, der sich oft unpässlich fühlt. Aber auch dieser „Angang zum Gespräch“ mit seinen Wendungen wird von Roth unnachahmlich im Essay mit verarbeitet und wirft wiederum einen fast besseren Blick auf das Esen Ionescos als die meisten seiner direkten Aussagen im Gespräch.

 

Es gibt viele Personen zu entdecken im Buch. Autoren, bildende Künstler, politische Menschen, vor allem aber Menschen mit Eigenarten und erkennbaren persönlichen Prägungen. Menschen mit Zielen, Visionen, ganz eigenen persönlichen Kräften und Gestaltungsmöglichkeiten. Und durch die Bobeachtungsgabe und die hohen sprachlichen Möglichkeiten Roths gibt es auch viel in und um diese einzelnen Menschen herum zu entdecken im Buch.

 

Gerhard Roth legt treffende, präzise, das Wesen erfassende Portraits in Essay Form vor, bei denen jedes einzelne das Lesen wert ist.

 

M.Lehmann-Pape 2012