Goldmann 2015
Goldmann 2015

Gianrico Carofiglio – Am Abgrund aller Dinge

 

Tief in die Seele geschaut

 

Es ist nicht nur dieser Todesfall, den die erzählende Figur dieses neuen Romans von Carofiglio zufällig in der Zeitung entdeckt. Es ist, wie getrieben, fast ohne wirklich Zugriff auf die eigenen Handlungen zu haben, der Moment, in dem jener „Verlagsberater“ den Weg in die eigene Vergangenheit auf sich nimmt und damit einen tiefen Blick auf sein gegenwärtiges Leben gewährt.

 

In zwei Handlungsperspektiven vollzieht Carofiglio diese Person, die Entwicklung nach, schmerzhaft offen, ohne Fallen oder doppelte Böden lässt er vor allem den „erwachsenen Enrico“ sich selbst gegenüber und gegenüber dem Leser entkleiden.

 

Einer, der zwar irgendwie sozial funktioniert, der ins Gespräch auf der Zugfahrt in seine Heimatstadt Bali (wo der Todesfall geschah) zwanglos kommt, der dort seinen Bruder besucht, der durchaus eine erwachsene, funktionale Fasse aufrecht erhalten kann.

 

Der aber weder im Gespräch mit seinem Bruder noch, vor allem, in seinen monologischen, fast hypnotisierenden Betrachtungen dem Leser gegenüber wirklich ein Blatt vor den Mund nimmt.

 

Versuchen, ja, das tut er. So, wie er sich in Florenz, seinem Wohnort, sozial in seiner Wohnung fast einmauert und nicht viel spricht, so nutzt er auf seiner Reise seine Sprache zum „verstecken“, versucht, andere durch den intellektuellen, rational reflektierten Schwall seiner Worte auf Distanz zu halten, und bietet doch nur brüchige Fassaden an.

 

Die mehr und mehr in sich zusammenbrechen, die mehr und mehr zu einer harten, ungeschminkten Wahrheit führen. Eine Wahrheit und eine Härte, die Von Carofiglios Personen auch aus anderen Werken des Schriftstellers bestens bekannt ist und die er hier Seite für Seite tiefer sich ausbreiten lässt.

 

Betont durch die ständige „Du-Form“ des Mannes, der damit wie an einem Tresen den Leser, den Zuhörer tiefer und tiefer hineinzieht in seinen „abgedroschenen Möchtegernintellektuellen-Zynismus.“

 

„Du erinnerst dich ohne erkennbaren Grund, wie viele Lügen und Märchen Du als Kind verzapft hast. Egal was dir geglückt war, du musstest es immer aufbauschen“.

 

Was er heute zumindest sich selber gegenüber lässt und was eine tiefe Resignation, Depression, Müdigkeit an diesem nur vor sich hin vegetierenden Leben offen legt. Trotz des Romanerfolgs, den der Mann mal hatte.

 

Immerhin: „Du hat aufgehört, Scheiße zu erzählen; generell und insbesondere, was das Schreiben angeht“.

 

Auf der anderen Seite führt Carofiglio den Leser in das Leben Enricos zu Schulzeiten zurück. In den interessanten, prägenden Philosophieunterricht mit der begehrten jungen Lehrerin, in die ersten Schritte eines einmal vorhandenen Mutes bei dem Jungen Enrico und in seine Fast-Freundschaft mit Salvatore, der das Leben auf ganz andere Weise anging und lange Zeit weiter anging, als es Enrico vermocht hätte.

 

Aber es gibt eben Wegscheiden.

Es gibt die Momente der Entscheidung, ob man „den anderen“ bereit ist, allein die Schuld zu geben oder ob man aktiv bleibt ohne Rücksicht auf die Folgen oder ob man sich in sich selbst zurückzieht, bis man sich selber nicht mehr erkennt.

 

In düsterer Atmosphäre, Satz für Satz mit Bedeutungen versehen, die erst einmal vom Leser gefunden und gefasst werden wollen in diesem Spannungsfeld innerhalb der Hauptperson, die bis dato keine Entscheidung hat treffen können zwischen einem „irgendwie Leben“ und einem „mutigen Leben“.

 

Das arbeitet Carofiglio intensiv heraus und nimmt den Leser von der ersten Seite an mit auf diese Lebensreise eines Schülers und dann Mannes, mit einer sich steigernden Spannung was mit dieser Hülle an Mann am Ende des Buches geschehen wird.

 

Kein Kriminalroman, ein dichter Entwicklungsroman in zwei Zeitebenen, in welchem die aufgeladene politische Atmosphäre des Italiens um die 80er Jahre herum.

 

 

M.Lehmann-Pape 2015