Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Gila Lustiger – Die Schuld der anderen

 

Präzise beobachtet und sprachlich hervorragend umgesetzt

 

Was zunächst wie ein Kriminalroman oder ein Thriller daherkommt, entpuppt sich Seite für Seite mehr als ein präziser, treffender und emotional nahe kommender Spiegel des Lebens in der Gegenwart.

                                                                   

Auch wenn die kriminalistischen Elemente präsent im Hintergrund schwingen bei den Recherchen des Marc Rappaport, des engagierten und kritischen Journalisten, Millionenerbe, den roten Faden ergeben für all die Begegnungen und Beobachtungen, die jener Marc machen wird, die „Verhältnisse“, die zum „Fall“ führen und diesen am Ende auflösen werden.

 

Zunächst nur am Rande interessiert sich der Journalist, dessen verstorbener Großvater zu den großen Industriellen Frankreichs gehört, für die vermeintliche Auflösung eines alten Mordes.

 

Eine junge Prostituierte wurde vor knapp 30 Jahren erschlagen, der Schuldige scheint nun überführt. Doch etwas stört Rappaport und je mehr er sich mit der damals jungen Frau beschäftigt, desto mehr Ungereimtheiten treten auf.

Könnte es gar sein, dass der Mord von einem Mann an höchster Stelle begangen wurde? Einer jener „Unberührbaren der Macht“, die mit allem durchkommen?

 

Aus einer „Riege der Macht“, die sich aus Geld speist, in der, aus Profitgier, ganz offen die Gesundheit ihrer Arbeiter aufs Spiel gesetzt wird? Arbeiter als „Menschenmaterial“ und nicht mehr als „Individuen“ gesehen werden?

Sich die Pfründe hin- und her zuschieben? Und dabei den „Ritt auf der Angst der Menschen“, herauszufallen aus Lohn und Brot, perfekt beherrschen?

 

Eine übrigens nicht unlogische Welt, in der auch innere Überzeugung und Liebe ihren Platz finden und Sympathien beim Leser auslösen. Lustiger legt keinen platt-gesellschaftskritischen Roman vor, in dem die Grenzen zwischen „Gut und Böse“ einfach gezogen werden. Sondern eröffnet Seite für Seite die komplexe Wirklichkeit, in ihrem Protagonisten Marc das hin- und hergeworfen sein zwischen den Welten und die Schwierigkeit, diese Welt eben nicht mehr mit einfachen Stereotypen begreifen und abgrenzen zu können.

 

Das ist das Perfide, das Lustiger ebenso engagiert in den Rückblicken Marcs auf sein Leben mit seinem geliebten Großvater diese in sich logisch geschlossene „reiche“ Welt vor Augen führt, wie genauso die Welt der „Masse“. Mitsamt den Fragen eines klugen jungen Mannes, wo er selbst eigentlich steht in all den abgefeimten Spielen der Mächtigen.

 

Mit seinem Leben, in dem er es wenig vermag, sich innerlich wirklich anzubinden, sich immer, gerade auch privat, eine Tür offen lassen muss.

Die Crux des modernen Menschen in einer ständig rotierenden Welt, in der feste Angelpunkte rar werden und nur mehr die „Verwertbarkeit“ eine zentrale Rolle zu spielen scheint.

 

In der die Sehnsucht Lustigers nach echter Hingabe und Leidenschaft Ausdruck findet, wenn sie nur kurz nebenher auf „die alten Männer mit ihren jungen Lieben“ eingeht. Diesen Ausbruch aus dem Trott des Lebens, der doch nicht vorhält, der keine echte „große Leidenschaft“ bedeutet, denn die Sicherheit des Gewohnten gewinnt heutzutage doch immer die Oberhand.

 

An einer Stelle drückt Lustiger diese „moderne Welt“ fundamental aus: „Schlimm ist nicht, wenn man leidet, sondern sein Leben (nur) erduldet“.

 

Fast desillusionierend schreibt Lustiger über Menschen, die eben nur noch erdulden, die zu allem bereit sind, solange nur Arbeit und Lohn noch anstehen.

 

Heiligt dabei der Zweck alle Mittel? Ist alles nur noch Zweck? Das sind die bedrängenden Fragen, die den Leser ein um das andere Mal treffen.

 

Und selbst Marc Rappaport, der dem Leser immer näher kommt in seiner unerschrockenen Art, selbst dieser wird ganz am Ende des Romans erleben müssen, das ein Rad sich dreht, das in sich geschlossen ist, dem der Einzelne kaum mehr entrinnen kann.

 

Warum und wieso dass dann so passiert, wie es passiert, das eröffnet Lustiger erst auf den letzten beiden Seiten, die überraschen und dennoch, im Nachhinein, bestens ins Bild dieses intensiven und hervorragend geschriebenen Gesellschaftsromans passen.

 

Gila Lustiger hat einen treffsicheren Blick für Menschen, für deren innere Beweggründe, für die Lebenssituationen, die einen fast unentrinnbaren Rahmen setzen. Für die Ohnmacht des Einzelnen und für den „modernen Feudalismus“ der Zeit selbst.

 

Auch wenn in Teilen speziell „französische“ Verhältnisse und Strukturen benannt werden, das Prinzip, das Lustiger aufzeigt, ist weltweit das gleiche und bildet eine überaus flüssige und lohnenswerte Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015