Piper 2014
Piper 2014

Gisa Klönne – Die Wahrscheinlichkeit des Glücks

 

Liebe braucht keinen Glauben

 

Die eine ist Astrophysikerin.

Klar, direkt, logisch, rational. An „Schicksal“ oder „Glück“, an unverhoffte emotionale Wendungen glaubt sie nicht. Die Welt, das Leben, die Vorgänge, all das ist berechenbar, kann kühl abgewogen werden, die eigenen Schritte vorweg durchgegangen werden. Frieda Telling.

 

Der andere ist einerseits das Gegenteil. Sinnlich, genussorientiert, eher emotional den Spuren des Lebens folgend. Auch von Berufs wegen. Arno Rether. Autor erotischer Romane mit Tendenz zum Schlüpfrigen.

 

Beide allerdings vereint zunächst einander unbekannterweise, dass beide nicht an die „große Liebe“ glauben. Überhaupt an die „Macht der Liebe“.

 

 Die eine lebt ganz im hier und jetzt ihrer Forschung, ihrer Berechnungen, im klaren Korsett ihres Lebens. Der andere treibt ebenso nur im hier und jetzt ein wenig chaotisch vor sich hin und frönt dem ihm innewohnenden Hedonismus.

Und beide wollen nur ungern in ihrer Art zu leben gestört werden.

 

Doch dramatische Ereignisse reißen zunächst Frieda aus ihrer gewohnten Bahn und bringen etwas später die kluge Frau und den sinnesorientierten Autor zueinander.

 

Weil Frieda auf der Suche ist nach einem Ereignis in der Vergangenheit. Nach der Geschichte eines halben roten Halstuches. Ein Tuch aus der Geschichte zweier Rumänen mit deutschen Wurzeln, die in den brutalen Jahren nach dem großen Krieg drangsaliert, als junge Menschen in ein „Speziallager“ gebracht wurden, das kurze Zeit zuvor noch den Deutschen als Konzentrationslager diente (Sachsenhausen).

 

Nicht aus reinem Interesse macht sich Frieda auf den Weg nach der Geschichte des Tuches. Es stammt von ihrer Mutter und wurde ihr „zu treuen Händen“ von dieser für ihre Tochter mit auf den Weg gegeben anlässlich einer Feier. Genaueres wird ihre Mutter ihr nicht erklären können, zu stark ist die Demenz bereits fortgeschritten.

 

Doch das Tuch brachte Friedas Tochter durcheinander. Völlig in Verwirrung. Planlos stürzte sie aus dem Haus, auf die Straße, vor ein Auto. Und liegt nun im Koma.

 

Ein Ereignis, das Friedas konstruierte Welt aus den Fugen geraten lässt.

 

Sie klammert sich an das einzige Indiz, das ihr bleibt, das rote Tuch. Und wird ihre eigene Familienvergangenheit darin finden. Und mehr.

Denn sie kennt zwar die Geschichte ihrer Eltern in Ansätzen, aber darüber hinaus hat sie sich nie wirklich interessiert und muss nun mit wenig Anhaltspunkten die Spuren in der fernen Vergangenheit suchen und zusammensetzen.

 

Wie gewohnt schreibt Gisa Klönne sprachlich flüssig und mit Tempo.

Mit einem großen Augenmerk auf die intensive Charakterisierung ihrer Personen.

Alle Beteiligten wirken authentisch, real und stellen in ihrer Typisierung Haltungen des Lebens dar, die sicherlich jeder kennt.

 

So gelingt es Klönne von Beginn an, den Leser vor allem in die Personen mit hinein zu ziehen und emotional Anteil zu geben. An Henny, der alten Mutter, Frieda, der kühlen und doch suchenden Frau, Arno, der meint, nicht suchen zu müssen und doch Wichtiges vermisst und Aline, die nicht ohne Grund auf das rote Tuch so reagierte, wie sie reagierte.

 

Zudem führt Klönne ebenso lebendig den Leser in der Zeit zurück in das Grauen, dass nach dem Krieg für so manche Bevölkerungsgruppen noch lange nicht zu Ende war und baut eine miteinander verwobene Familiengeschichte, die sich erst im letzten Teil des Buches in all ihren Verbindungen erschließen wird.

 

In beiden Fäden der Geschichte verbindet sie dabei spürbar die Kraft der Liebe.

Die nicht nur äußere Bedrängnis tragen lässt, sondern auch innerlich Menschen bewegt, die sich dem gar nicht bewusst aussetzen. Liebe braucht keinen Glauben, sondern geschieht.

 

Und die verbindet. Kein Mensch ist ein Solitär, sondern steht in einer Abfolge von Familie, Ereignissen, Geschichte, die ihn prägt. Auch wenn man sich, so wie Frieda, dieser Prägung intensiv versucht, zu entziehen.

 

Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

 

M.Lehmann-Pape 2014