Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Grégoire Delacourt – Wir sahen nur das Glück

 

Die wirklich wichtigen Dinge

 

Da lebt man. Einfach so. Geht doch. Man ist sogar, wie Antoine, zumindest im eigenen Empfinden, einer, der „was zu sagen hat“. Der „bewertet“. Kein Grund, zu viel über sich nachzudenken, läuft, passt.

 

Frau, Kindern, die Arbeit bei der Versicherung. Er setzt den Wert von „humanen“ Schäden fest, er ist der, der den Wert anderer Menschen auf Heller und Pfennig festlegt.

 

„Dreißig – vierzigtausend, wenn sie überfahren wurden, zwanzig – fünfundzwanzigtausend, wenn sie ein Kind sind. Etwas mehr als hunderttausend, wenn sie in einem Flugzeug sitzen, das ihr Leben mit zweihundertsiebenundzwanzig anderen zugleich vernichtet“.

 

Ganz normal für Antoine, so ist das Leben, da denkt er nicht weiter drüber nach.

 

Genau das wird er aber müssen im Lauf der Ereignisse. Zum einen in der Überprüfung dessen, was tatsächlich jene Werte sind, die ein Leben bestimmen und zum anderen in der Überprüfung seines eigenen Wertes, in der Bilanz für seine Jahre, seinen Haltung.

 

„Ich wollte nicht nach Hause und die Leere meines Lebens wiederfinden“.

 

Diese Satz findet der Leser fast zu Beginn und wird dann bildkräftig, ruhig und den einzelnen Lebensverästelungen Antoine´s breit nachgehend von Dealcourt hinein geführt in dieses zunächst „Bilderbuchleben“ eines erfolgreichen Menschen der Mittelschicht. Zumindest einen, der den äußerlich vorgezeichneten Weg des „kleinen Glücks“ und der saturierten Haltung hervorragend verinnerlicht hat.

 

„Ich werde dafür bezahlt, so wenig wie möglich zu bezahlen, weder Herz noch Mitgefühl zu haben. Ich bin nicht berechtigt, dem Schiffbrüchigen die Hand zu reichen, in mir gibt es keine Nettigkeit“.

 

Eine verinnerlichte Haltung zum Leben, die unversehens einen hohen Preis kosten wird. Dieses so festgefügt, so klar, so sicher wirkende Leben löst sich unter seinen Händen auf.

 

Von der Frau verlassen, die Arbeit verliert er, all das Äußere an Sicherheitsnetz bricht weg. Und Antoine steht vor den Trümmern des eigenen Lebens und wird zur Abrechnung mit sich selbst gezwungen, gerät immer tiefer in den Taumel einer wild sich befreienden Emotionalität, einer Verzweiflung, intuitiven Erkenntnissen, denen er kaum standhalten kann.

 

Auch wenn Delacourt natürlich seinem Antoine jegliches denkbare Unbill zunächst passieren lässt, an keiner Stelle wirkt seine Erzählung unwirklich oder übertrieben.

 

Mehr und Mehr enthüllt er in seiner sehr flüssigen, sehr verständlichen und emotional dichten Sprache in dieser Romanfigur zugleich auch einen Spiegel. In dem jeder Leser beginnt, selbst die Fragen nachzuvollziehen.

 

Dieses „nicht schätzen“ zwischenmenschlicher Dinge. Dieses energiereichen Anstrengungen an Orten, die am Ende nicht für das Lebensglück entscheiden, während da, wo es wichtig und wesentlich gewesen wäre, bei der Liebe, bei den Kindern, ein Vakuum sich auftut, ein schmerzliches Versagen, eine Art langjährigen Desinteresses vor seine Augen tritt.

 

„Mehr Schein als Sein“, das ist, was zu Tage tritt. Gepaart mit einer Blindheit und Mitleidlosigkeit den anderen, der Welt gegenüber.

 

Mehr Fassade als Geliebter, Ehemann, Vater, Freund, Mensch. Und die bittere Erkenntnis (vielleicht noch nicht zu spät für ihn), dass es Substanz braucht und ein reines Rollenspiel im Leben auf Dauer bei den wirklich wichtigen Momenten nicht dauerhaft ausreichen wird.

 

„Um mich zu erinnern, dass ich noch ein Herz habe“.

An dieser Stelle beginnt zumindest das Erkennen über die eigene Person. Mit unliebsamen Folgen für seinen Job, aber mit wichtigen Folgen für Antoine, den Menschen.

 

Schritt für Schritt führt Delacourt durch diese persönliche Hölle, die tatsächlich ganz unten enden wird, wenn die eigenen Kinder irgendwann mit Erleichterung (und Freude) feststellen: „und dann hat Mama mitgeteilt, dass du raus bist…. Es war, als wärest du tot“.

 

Und ein rundes Happy End, eine geläuterter Mann, der wieder in die Arme seiner Familie sinkt, so einfach wird das nicht werden.

Obwohl „geläutert“ und „Familie“ gerade für das Ende der Geschichte eine, die entscheidende Bedeutung haben werden.

 

Ein intensives und nachwirkendes Ende, in dem Delacourt noch einmal ein Ausrufezeichen für den wirklichen Kern und die wirkliche Quelle des Lebens in einem Menschen setzt, den er in diesem Roman auch sprachlich und im Wechsel des Stils hervorragender vor dem Leser offenlegt.

 

Eine sehr empfehlenswerte, emotional treffende, nachdenklich stimmende, aufrüttelnde Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015