btb 2011
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Gudrun Eva Minervudottir – Der Schöpfer

 

Nahekommen

 

„Sveinn hängte die Letzte zum Trocknen auf, der Haken steckte in ihrem Nacken“.

 

Was sich anhört wie der Beginn einer Serienmörder Orgie löst sich bei weiterem Lesen des Buches in eine originelle, sprachlich wunderbar erzählte Geschichte um einen Amnn und eine Frau, um Einsamkeit in der modernen Gesellschaft und um einen ganz absonderlichen  Beruf auf. All dies zu Teilen angesiedelt in der ländlichen Weite Islands in der Gegend um Reykjavik.

 

Das, was da zum Trocknen aufgehängt wird, ist eine Puppe. Eine von vielen, deren Schöpfer Sveinn ist. Und diese Puppen, lebensgroß, real und für eine Vielfalt erotischer Zwecke hergestellt, sind die Passion Sveinns, der im Herzen Künstler war und ist und bleiben wird. Heißbegehrte Puppen ob ihrer ungeheuren Lebensechtheit. Perfektion, Realität, dass ist sein Ziel. Die Welt da draußen, die anderen Menschen, die Abläufe in der Welt, kaum bis kein Interesse findet dies alles in seinen Augen. Auch das Intermezzo mit Loa, die ob einer Autopanne bei ihm Hilfe sucht, wäre in seinen Augen ein zu verschmerzendes, kurzes Einbrechen der Welt in sein Refugium gewesen, wenn Loa nicht neugierig wäre. Wenn sie nicht eine der Puppen kurzerhand mitnimmt und damit den ersten Schritt einer Beziehung in Gang setzt, die für den Rest des Buches in ihren vielfachen Verläufen Sveinn beschäftigen und den Leser mit in den Bann ziehen wird.

 

Loa aber ist nicht einfach so eine Diebin. Als alleinerziehende Mutter sorgt sie sich intensiv um ihre magersüchtige Tochter und hofft, mit diesem Wunderwerk an Weiblichkeit ihrer Tochter Hilfe, einen Anstoß geben zu können.

 

Da nun Sveinn auf keinen Fall auf eines seiner Werke zu verzichten gedenkt, macht er Loa in der Stadt ausfindig. Eine wunderbar und feinfühlig geschilderte Annäherung zweier einsamer und in Beziehungsdingen ungeübter Menschen setzt Miervudottir nun in den Raum, bei der sie auf jede Form von Kitsch oder tränenreicher Tragik verzichtet und stattdessen mit hintergründigem Humor und einem klaren Blick für Emotionen ihre Protagonisten einander umkreisen lässt. Protagonisten, die nicht so wirken, als hätten sie aufeinander gewartet und die ebenso mit vielem in sich selbst beschäftigt sind, als dass sie einen freien Blick dafür hätten, aneinander Wichtiges finden zu können.

 

„Gegen Mittag schaffte sie es, sich zu ein bisschen Mitgefühl und Gastfreundschaft durchzuringen. Zu fragen, wie er sich fühlte und ihm etwas gegen die Schmerzen zu geben“.

Als Loa soweit ist, ist bereits über die Hälfte der Geschichte erzählt und noch immer ist keine Lösung der vielfältigen Probleme in Sicht, mit denen sich Loa und Sveinn herumschlagen. Und doch wird mehr und spürbar, dass es hier um Liebe geht und weiter gehen wird, auch wenn Loa und Sveinn sich dessen lange Zeit nicht bewusst sind.

 

Sprachlich flüssig und mit Tempo erzählt bietet das Buch eine schöne, leise, ganz andere Liebesgeschichte, die viel von dem mit aufnimmt, was an der modernen Zeit und den vereinsamenden Menschen alles beginnt, zu fehlen für eine gelingendes Leben miteinander. Und wie man es doch wieder entdecken kann. Erzählt abwechselnd aus Sveinns und Loas Sicht der Dinge erhält das Buch eine durchgehende und fesselnde Dynamik. Sehr empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2011