btb 2014
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Hakan Nesser - Die Lebenden und die Toten von Winsford

 

Mit langsamer Sogkraft

 

"Ich habe generell nur eine vage Auffassung von Richtungen. Auch das hat sich so ergeben und wie alles in einem halben Jahr aussehen wird, ist eine Frage von fast schon lachhafter Unberechenbarkeit".

 

Langsam und bedächtig erzählt Hakan Nessser, mit einem detaillierten Blick für die Landschaft der Heide und die Menschen, auf die jene Frau in diesem einsam gelegenen Ort in der englischen Provinz trifft. die Frau, die sich "Maria Anderson" nennt, die in diesem Winsford noch einmal abseits vom Dorf ein Haus für den Winter gemietet hat.

Allein mit ihrem Hund.

 

Zeit lässt sich Nesser zu Beginn des Buches vor allem dafür, den Leser mit der Denkweise jener Maria bekannt zu machen, die in ihrer Heimat Schweden durchaus eine gewisse Prominenz genießt und langsam die verschiedenen anderen Personen einzuführen.

 

"Ihr seid Elite", drücken es Freunde aus. Der bekannte Mann, die bekannte Frau. Und doch bildet diese wohlsituierte Lebenssituation keinen sicheren Grund für das gemeinsame Leben.

 

Beide, nach über drei Jahrzehnten Ehe und zwei gemeinsamen Kindern (wobei für Maria die Kinder eher wie "Hotelgäste" wirkten, die das Haus nach einigen Jahren des Gaststatus einfach verlassen hatten, trotz all ihrer Bemühungen, innere Verbindungen zu festigen und zu halten), stehen vor einem Problem.

Das Martin, ihr Mann, verursacht hat. Auch wenn er seine Unschuld beteuert.

 

Nun, Maria, wie erwähnt, plant Richtungen zwar nicht wirklich, ist aber durchaus in der Lage, zu handeln. Und muss dann später sehen, wie sie mit den Ergebnissen dann zurecht kommt. So macht sie das. Eigentlich immer schon.

 

Wie aber kommt die Frau aus Schweden in die englische Provinz? Wo ist ihr Mann?

 

"... und dachte, dass die Ereignisse der letzten Monate endlich ihren definitiven Abschluss gefunden hatten. Genau genommen der letzten Jahre. Noch genauer: meines Lebens, wie es bisher ausgesehen hatte".

 

Doch so einfach löst sich das alles nicht, was als Problem im Raum stand und was sie auf ihre rigorose Art dachte, ganz spontan gelöst zu haben.

 

Denn nachdem dem Leser im ersten Teil des Buches Stück für Stück klar geworden ist, wie Maria an diesen Ort kam und warum es dieser Ort geworden war, ereignen sich mehr und mehr bedrängende Dinge. Seltsame Vorfälle. Spuren von Anwesenheiten vor ihrem abseits gelegenen Ferienhaus. Ihr Hund Castor verschwindet einfach. Und taucht wieder auf.

 

Ist es ihre jüngere Vergangenheit, die sie im Lodge einholt oder ist es einer oder eine der neuen Bekannten, der Bewohner des Dorfes, die ihr Böses wollen?

 

Ebenso bedächtig, wie Nesser seine Personen, die Landschaft, das Dorf, die Atmosphäre, die Vergangenheit im ersten Teil des Buches gründlich und greifbar vorgestellt hat, lässt er nun langsam die Ereignisse Fahrt aufnehmen. Manches Mal zu langsam, einige Längen bietet dieser Roman durchaus ins einer durchgehend sehr ruhigen Stimmung, trotz der sprachlichen Geschliffenheit, die Nesser zu eigen ist.

 

 Dank der bildkräftigen Sprache und der in sich stimmigen Geschichte entsteht zum Ende hin allerdings ein stärker werdender Sog der Spannung über die ominösen Vorfälle und die Neugier auf das, was hinter all dem stecken könnte.

 

 

Dies vollzieht Nesser allerdings nicht in Thriller oder Kriminalform, sondern in einem Lebensgeschichte-Roman mit psychologischem Tiefgang und den vielfachen Verweisen auf die inneren Verbindungen, die unter den Personen und in jener "Maria"  lange Zeit zunächst verdeckt entstehen.

 

M.Lehmann-Pape 2014