S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Hanif Kureishi – Das letzte Wort

 

Umkreisen der Libido

 

Wer wirklich das letzte Wort haben wird, das wird lange Zeit durch manch überraschende Wendungen in den Beziehungskonstellationen der beteiligten Personen im Buch unklar bleiben. Oder gar sich gar nicht wirklich erschließen, außer man nimmt einfach hin, dass „das Leben an sich“ das „letzte Wort“ haben wird und den letzten Akt beschließt.

 

Bis dahin aber wird sich die anfänglich recht einfach erscheinende Grundkonstellation des Romans mehrfach aufgelöst haben und nicht unbedingt absehbare Wege gehen.

 

Ein alternder Schriftsteller, Mamoon, mit indischen Wurzeln, von der Kritik geachtet aber leider nicht so verkauft, dass er wirklich vermögend wäre, benötigt Geld. Oder seine (nicht mehr ganz so junge) italienische Frau meint, Geld zu brauchen. Oder doch der Verlag?

 

Denn als Harry, der junge Journalist mit der ausgeprägten erotischen Hinwendung auf dem Landsitz Momoons eintritt, angeleitet durch den kreativen und alkoholgeschwängerten Verlagsleiter, erwartet ihn nicht das, was er dachte.


Weder hat Momoon irgendeine Lust, mit ihm über sein Leben zu reden, flieht ihn fast, meidet ihn, noch wirft sich ihm die aufgedonnerte jüngere Ehefrau an den Hals (was Harry nicht unlieb ist, denn so rechte Stimmung will bei ihm in Bezug auf Liane nicht aufkommen. Was nichts heißt auf Dauer, übrigens).

 

Wochen verbringt Harry auf dem Landsitz und wühlt durch alte Tagebücher der ersten Frau des Schriftstellers, schnappt hier und da einen Happen an Lebensweisheit des Mannes auf (nichts Weltbewegendes) und verlustiert sich ansonsten auf dem Land mit der ein- oder anderen Bediensteten. Denn seine fast Verlobte, Alice, weigert sich lange standhaft, ihn dort zu besuchen. Wobei an sich auch dieses Verhältnis nicht das ist, was es scheint.

 

So wechselt der Roman langsam, aber sicher seine Perspektive, wendet sich von Momoon ein stückweit ab und setzt jenen Harry und den frühen Tod seiner lebens- und liebeslustigen Mutter in den Mittelpunkt des Erlebens. Eine Mutter, die Harrys unstillbare Sehnsucht nach einem atmenden Körper neben sich beim Einschlafen ein stückweit zumindest erklärt.

 

Das alles in feiner und geschliffener Sprache dargeboten lässt den Leser bis etwa zur Mitte des Buches durchaus erwartungsfroh die Seiten umblättern. So, als wäre irgendetwas Besonders, Wichtiges, was sich im Hintergrund zusammenbraut. Doch hier muss man konstatieren, dass diese Erwartung enttäuscht wird.

 

Unmerklich zunächst, dann aber deutlicher, beginnt sich der Roman ein stückweit auch dahinzuschleppen und bietet bis auf eine erstaunliche Enthüllung durch einen neuen Roman des alten Meisters nicht mehr viel an tieferreichend Interessantem (schön wäre gewesen, den Leser mit in die Entwicklung im Inneren Mamoons zu nehmen, dann wäre Spannung entstanden über das, was an Doppelbödigkeit und „Buch im Buch“ noch ausgetragen werden wird).

 

Wobei es durchaus anregend zu lesen ist, wie immer wieder die „moderne Welt“ mit ihren Elendsvierteln, der Hoffnungslosigkeit auf der einen Seite und dem Ringen um kulturelle Erhaltung und Bedeutung auf der anderen Seite (Harrys Eltern,  Mamoons Frau) sich spiegeln in der eher teilnahmslos dahintreibenden „sexuellen Entfaltung“ Harrys (in der mehr und mehr deutlich wird, dass es gar nicht um den Sex sondern um die Flucht vor der inneren Einsamkeit geht).

 

Mit einigen präzise beobachteten Momenten der Moderne, einer deutlich erkennbaren Orientierungslosigkeit der aktuellen Gesellschaft, aber auch mit ebenso deutlichen Längen in der eigentlichen Geschichte besticht der Roman auf der einen Seite sprachlich, macht es auf der anderen Seite dem Leser aber auch nicht allzu einfach, mit innerer Spannung bis zum Ende zu lesen.


M.Lehmann-Pape 2015