Kein und Aber 2017
Kein und Aber 2017

Hannah Tinti – Die zwölf Leben des Samuel Hawley

 

Mitreißender Roadtrip des Lebens

 

Tatsächlich passen die Kapitelüberschriften noch besser zur Grundtendenz dieses Lebens eines Vaters, Hawley, mit seiner Tochter und bevor diese geboren wurde.

 

Zwölf Kugeln sind es, die die einzelnen Abschnitte dieses sprachkräftig auf Papier gebannten Lebens kennzeichnen. Durchaus passend zu einem Mann, der mit seinen Waffen eng verwachsen ist (typisch amerikanisch, kann man sagen und das Buch gibt durchaus auch in der Tiefe Einsicht in die inneren Gründe, die dieser amerikanischen Haltung zur Waffe zugrunde liegen).

 

„Er atmete ein und stieß die Luft halb wieder aus“. Und genau dann ist es Zeit, den Abzug zu ziehen. Mit sicherem Stand. So hat es seine Mutter ihm beigebracht, so hat Hawley es verinnerlicht, so gibt er es an seine Tochter weiter.

 

Es ist eine fast poetische erzählte Szene, als Loo, die Tochter, zum Geburtstag das alte Gewehr, Familienerbe, von ihm als Geschenk erhält. Wenn Vater und Tochter im Wald stehen, dann steht da keine martialistische Szene von „Schieß-Verehrung“ im Raum, sondern ein weitergeben einer Verschmelzung, eines natürlichen Vorgangs, sich im Leben wehren zu können. Eine intuitive Fertigkeit, wie die Szene in ihrem Finale aufweist.

 

Mit großer Bildkraft beschrieben, die den Leser von Beginn an fesselt, die hineinzieht in diese besondere Familienatmosphäre (die im Übrigen, als Hawley beschließt, sesshaft zu werden mit und wegen seiner Tochter an dem Ort, an dem seine Frau, die Mutter Loo´s geboren wurde), die viel zu oft gestört wird von „Witwen“, die Hawley ihre Aufwartung zu macheng gedenken (aus Eigennutz).

 

Umso mehr klopfen die Frauen der kleinen Stadt Olympus an, nachdem Hawley eine Art Heldentat vollbracht hat (bei der ein mit Fett massiv eingestrichener Baumstamm über einer Hügelkante eine wichtige Rolle spielt).

 

Doch an diesen schweigsamen, immer beherrschten, ganz für sich lebenden Mann heranzukommen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zunächst. Und auch auf den Leser wirkt dieser wortkarge, sich seiner selbst scheinbar immer sichere Mann zunächst befremdlich. Ein Rätsel. Eine Art Mann, wie Lee Child mit seinem „Reacher“ in etwa auf den Weg gebracht hat. Nur dass sich Hawley weitaus mehr Kerben und Niederlagen im Leben wohl bereits eingefangen hat. Ahnt man.

 

Und wird es im Lauf der Lektüre genauer herausfinden, denn in Rückblicken erzählt Tinti von den verschiedenen Lebensstationen und den inneren Prägungen. Ein Lebensweg, der in der Gegenwart kulminiert, denn irgendwas ist da ja geschehen, was auch Loo nicht wirklich weiß. Mit ihrer Mutter, mit seiner Frau. Die nicht mehr vorhanden ist.

 

Und wie das so ist, wenn einer kaum etwas von sich preisgibt, außer, dass er Konkurrenten und Gegner umgehend angeht und vor Gewalt nicht zurückscheut (auch wenn daraus später gar Respekt werden kann, wie man sehen wird). In einer solchen kleinen Stadt, da gehen Gerüchte schnell von Ohr zu Ohr.

 

Und umgeben die trefflich gesetzte, diskrete innere Polung, die Tinti ihren beiden Hauptfiguren gibt. Denn dem beherrschten Vater der „wenigen Worte“ stellt sie eine Tochter mit Temperament und starkem Jähzorn entgegen (da unterscheidet sich Loo nicht vom Vorgehen ihres Vaters, wenn ihr Schulkameraden gehässig kommen, Was nicht jede Nase unbeschadet übersteht).

 

Innere Spannung zwischen den Figuren, äußere Spannungen mit dem Umfeld, innere Spannungen in den Personen selbst und eine Entwicklungsgeschichte eines Mannes, die man mit Spannung liest und die fließend in die Geschichte der Entwicklung des Mädchens mit und durch diesen Mann mit eingeht.

 

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017