Piper 2014
Piper 2014

Hanne Vibeke Holst – das Mädchen aus Stockholm

 

Familiengeschichte mit Geheimnissen

 

2011. Helena, die Intendantin der Berliner Oper, wird hoch geehrt. Nicht zuletzt, weil sie in der letzten Aufführung einer Oper eine Provokation gegenüber Mohammed gewagt hat, demokratisches Rückgrat bewiesen hat. Dementsprechend hoch sind nun allerdings die Sicherheitsvorkehrungen zur Feier.

 

Sie hatte es nicht zu hoffen gewagt, aber auch ihre Tochter Sophie (mit der sie sich seit längerem fast entzweit hat), folgt ihrer Einladung nach Berlin.

Helena hofft auf eine Versöhnung.

 

Allerdings, Sophie kommt nicht alleine.

Ihren Verlobten bringt sie mit. Khalil.

Gebürtig aus dem Libanon. Der einen verschlissenen Rucksack ständig mit sich herumträgt und auch ansonsten in kleinen Momenten ganz anderes wirkt als locker und leger.

 

Und das Gefühl wird Helena nicht trügen. Auch wenn die Preisverleihung unbeschadet überstanden wird, dramatische Momente in ihrem Büro werden folgen. Die sich aber, nur eine der überraschenden Wendungen im Roman, später als ganz anders motiviert herausstellen werden, als es zunächst den oberflächlichen Anschein hat.

 

Wie überhaupt in diesem Roman hinter der Oberfläche einiges zu finden sein wird, was als gut gehütetes Geheimnis über Jahrzehnte hinweg im Dunkeln lag. Ein Fehlverhalten, das Helene belastet, aber auch in der Generation vor ihr in sehr ähnlicher Weise für ein instabiles Beziehungsgeflecht gesorgt hat. Genau genommen geht es um mehr als nur eine Lüge.

 

Neben den Ereignissen der Gegenwart, der Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter, der eskalierenden Situation, in der für Helena (und Sophie) Schweres ans Tageslicht kommen wird, erzählt Holst in einem zweiten Erzählfaden die Geschichte der vorhergehenden Generation, vor allem der Zwillingsbrüder Leif und Leo (Leo ist Helenas Vater).

 

Aufgewachsen als Zwillingsbrüder mit ihrer Schwester in einem dänischen Pfarrhaus in freiheitlicher Atmosphäre.

Die ab April 1940 mit in den Widerstand gegen die Deutschen führt.

 

Ereignisse und ein Zeitgeschehen, das dem Leser die bis dato nicht unbedingt breit bekannt Situation in Dänemark im zweiten Weltkrieg vor Augen führt (und dies atmosphärisch überzeugend) und die vor allem dem Leser einen intensiven Einblick in die beteiligten Personen gibt.

Eine Geschichte um Brudernähe, Liebe (zur gleichen Frau hin), Absprachen, Hoffnungen, Enttäuschungen (auch voneinander) und einer „Lösung“, die erst im nach hinein für Helene deutlich wird.

 

Ein kleiner, verschlissener Schuhkarton enthält zumindest eine Ahnung von dem, was damals zwischen Leo, Leif und dieser „Ninni“ geschehen ist.

Aber auch überraschende Informationen darüber, dass der Vater beider, jener freiheitsliebende und „moderne“ Pfarrer auch in ganz anderer Richtung noch seine Freiheit ausgelegt hatte.

 

Mit vielfachen Wendungen erzählt Holst flüssig und mit Tempo eine überzeugende Geschichte über 7 Jahrzehnte hinweg.

 

Zwar wirken hier und da manche Motive der Personen nicht unbedingt zwingend (Sophies Plan und ihre „Verletzung“, für die sie eine Entschuldigung erwartet stehen eher auf tönernen Füßen), dennoch aber bietet der Roman eine durchaus spannende Lektüre und deutlich mehr als einen „Fehltritt“, der über die Jahre totgeschwiegen wurde. Alles aber verständlich, wenn auch nicht unbedingt einfach so verzeihbar.

 

 

„Es ist schlecht, zu Lügen. Lügen wachsen gerne und vergiften alles. Aber man soll auch nicht um jeden Preis nach der Wahrheit jagen. Denn was ist letztendlich wahr?“.