C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

Hans Pleschinski – Wiesenstein

 

Vom Vergehen einer Welt

 

Es sind die Stunden, Tage nach der vollkommenen Zerstörung Dresdens, es ist die Welt im Niedergang, es ist der Blick zurück auf ein „standesgemäßes Leben“ und vielfache innere Verbindungen, es ist der Blick auf ein beharrliches Festklammern an eigentlich bereits zerstörtem Leben und einer zerstörten Welt, die den Rahmen dieses sprachlich bestens erzählten biographischen Romans (und mehr) bildet.

 

Gerhard Hauptmann, „Arbeiterdichter“, Schöpfer der „Weber“ und zig anderer Werke, ist alt, gebrechlich, krank, zur Kur mit seiner Frau in Dresen, nur knapp dem Feuertaumel entgangen und nun, all seine Verbindungen zum Regime nutzend, auf dem „Weg zurück“.

 

Geographisch zurück nach Schlesien, zum „Wiesenstein“, seinem opulenten Wohnsitz mit der zahlreichen Dienerschaft, aber auch „innerlich zurück“ in sein altes Leben, i seine gewohnten Abfolgen, in die Vollendung seines letzten Romans, des „Christopherus“, in das „herrschaftliche Sein“. Nurmehr eine Art Traumwelt, wie sich zeigen wird, ein irrwitziges Unterfangen gegen alle Vernunft „dem Russen entgegen“ statt so weit wie möglich nach Westen oder Süden zu gelangen (was durchaus möglich wäre). Wobei der Leser, trotz besseren Wissens über die Biographie Hauptmanns, auf jeder Seite in diesem Waggon der Bahn den Tod des zerbrechlichen Greises vor Augen hat.

 

Aber noch einmal wird Hauptmann sein Wiesensein erreichen, versuchen, seine gewohnte Welt wieder „in Beschlag“ zu nehmen. Und auch das ist ein Teil dieses Werkes, den Leser minutiös mit einem Scheitern vertraut zu machen, dass dramatisch Formen annimmt. Bis dahin, dass wochenlang im Sommer am Ende des Romans auf einen Zug gewartet werden muss und der Leser sich überaus plastisch vorstellen kann (ohne dass Pleschinski ins Detail gehen muss), welche Gerüche, welcher Zerfall, welcher Druck auch dort noch im Raum stehen wird.

 

Eine untergegangene Welt, die sich an den letzten Resten eines Rahmens festkrallt, das führt Pleschinski plastisch vor Augen, egal, wohin er den Blick des Lesers lenkt. Auf die Straßen, den Brandgeruch, aus dem Fenster des Waggons, auf die fliehenden dienstbaren Geister, auf die bleibenden, auf die neuen Angestellten oder auch die neuen „Herren“ (in Form des Oberst Sokolow, der einerseits Hauptmann schützt, anderseits natürlich auch nicht allmächtig ist und die Zeit nicht zurückdrehen kann).

 

Da nutzt es wenig und klingt im Tiefsten hilflos, wenn die Herrin des Hauses Margarete Hauptmann, vom Kopf der Speistafel aus anordnet: „Bis heute Abend kein Wort vom Krieg“.

 

In diese Geschichte eines persönlich schmerzvollen Abschieds und Sterbens hinein verwebt Pleschinski so einerseits das „Sterben einer Welt“ und, andererseits , sehr flüssig in Dialogen gestaltet, durch Erläuterungen an einen neu hinzugetretenen „Krankenhelfers“ auch eine Biographie Gerhard Hauptmanns von Kindheit an (mit Brüchen und Nöten im Internat und „Träumen“ der Jugend) und eine treffende „Werkbetrachtung“.

 

Beides fließt homogen und flüssig zu lesen in die äußere Handlung mit ein und mündet in eine vielfache Betrachtung und in ein emotionales Verständnis gerade auch der Spannungen in Hauptmanns Persönlichkeit.

 

In der Realität fast ein Stotterer, der mühsam nach Worten ringt, in der Deklamation fast ein „Sänger von literarischen Texten“. Im Werk nicht selten ei kräftiger Fürsprecher des „kleinen und armen Mannes“. Im eigenen Leben hochherrschaftlich.

 

„Mein Mann ist ein All-Geist“, lässt sich Margarete vernehmen, verbietet sich damit jegliche kritische Anfrage und zeugt doch nur von einem inneren Spannungsverhältnis zwischen Werk, Person und Realität, dass verschwiegen, vergessen, nicht angegangen werden darf. Ein Zerrbild fast, wie in teuerster und feinster Kleidung beide Hauptmanns zunächst ihren Weg nach Hause in einer zerlumpten und ums Überleben kämpfenden Welt suchen.

 

Auch im Angesicht zerbrechender realer und innerer Welten.

 

Ergänzt durch Tagebuchaufzeichnungen vor allem Margarte Hoffmanns schafft Pleschinski in Romanform einen tiefen Blick auf die Person, das Werk, den Werdegang Gerhard Hauptmanns, vor allem aber einen Einblick in Untergang und Zerstörung einer ganzen Welt, ebenso, wie die fesselnde Darstellung einer inneren Verweigerung der Wirklichkeit gegenüber, die teils zwanghafte Züge aufweist. Und doch wohl für beide Hauptmanns alternativlos im Raum steht.

 

 

Ein hervorragendes Portrait und zugleich ein intensiver historischer Roman.

 

M.Lehmann-Pape 2018