List 2012
List 2012

Jean Forton – Isabelle

 

Verstörendes Innenleben

 

Sie ist 16 Jahre alt, er 34. Sie sehnt sich danach, gesehen, angenommen, geliebt zu werden, er seht sich nach Besitz, Haben, Benutzen.

 

Entgegen des Titels findet sich auf den 287 Seiten des Buches in Form einer Ich-Erzählung nicht die Gedanken und Eindrücke Isabelles im Mittelpunkt des Geschehens wieder, sondern wie ein Art Tagebuch taucht der Leser von der ersten Seite an ein in die Gedankenwelt, das egozentrische Wesen, die, letztlich, zutiefst verkommene Persönlichkeit eines Mannes.

 

Angereizt durch Frustration, letztendlich. Sozial isoliert. Nicht sonderlich angenehm vom Wesen oder vom Äußeren her, betrachtet er zunächst mit Neid die attraktive Freundin seins Nachbarn, eine Frau, an die er niemals heranreichen würde. Auf einem seiner vielen Streifzüge durch Bordeaux, seine Stadt, fällt ihm dann die unscheinbare Isabelle ins Auge. 16 Jahre alt und, viel interessanter für ihn, emotional biegsam, sehnsüchtig suchend.

 

„Es machte mir Spaß, endlich einmal hart zu sein. Die Krallen zeigen. Beißen“. Doch nicht nur hier täuscht der Mann sich. Er, de sich für nachgiebig und leicht auszunehmen hält, irrt nicht nur in diesem Selbstbild. Seite für Seite wird der Leser auf fast unerträgliche Weise in diese Melange aus Illusion und Selbstüberhöhung mit hineingezogen und entdeckt ebenso Seite für Seite hinter dem ständigen Fluss der Selbstdarstellung das, was „un livre un jour“ im Zitat des Klappentextes völlig zurecht einen „Dreckskerl“ nennt.

 

Natürlich würde er nie von sich selbst glauben oder gar sagen, dass es ihm nur um sich geht. Seine Lust. Seine fast Beweihräucherung. Natürlich denkt und spricht er zunächst von Liebe. Worte, die von vorneherein hohl klingen allein ob der Ausgangssituation dieses „Techtelmechtels“, welches der Mann ungerührt voranbringt, um Isabelle in seinen Fängen fest zu zurren.

 

Das wahre Kunstwerk dieses Buches besteht gerade aus der fast Unerträglichkeit, der Präzision, mit der Jean Forton 1957 dieses „Portrait eines Dreckskerls“ zu Papier brachte. Sprachlich immer auf den Punkt treffend, nie ausschweifend und, vor allem, nie eine halbgare, entschuldigende Erklärung für das Verhalten des Mannes suchend, sondern das verquere Innenleben, diese Arroganz und Selbstüberhöhung, die nur aus der gesellschaftlichen Isolation des Mannes heraus zu verstehen ist, beständig hält Forton diese Innenseite präsent und gönnt weder Isabelle noch dem Leser eine Sekunde Pause und Erholung von den Nachstellungen dieses Mannes.

 

„Obwohl ich mit Isabelle nichts mehr am Hut hatte, leide ich durch ihre Schuld“.

Wer gelesen hat, was vorher passiert ist und was die gesamte Zeit über hintergründig drängend im Buch vorbereitet wurde, für den fällt in diesem einen Satz das gesamte Universum des Ich-Erzählers in eins. Ohne Gewissensregung ging er bisher und wird er auch weiterhin durch dieses Etwas streifen, dass er sein Leben nennt.

 

Ein psychologisches und literarisches Meisterwerk, dass in seiner ungeschminkten Darstellung eines nackten, soziopathischen Egoismus vom Leser gute Nerven erfordert.

 

M.Lehmann-Pape 2012