Piper 2014
Piper 2014

Heinrich Steinfest – Der Allesforscher

 

Ein Entwicklungsroman der anderen Art

 

Mit Steinfest erfahrene Leser wissen: eine ganz besondere „Sprachmelodie“ zeichnet diesen Autoren aus. Eine Erzählweise mit Klarheit und Witz, die immer den Kern dessen, was Steinfest erzählen möchte, im Vordergrund belässt und dennoch mit vielen Nebenblicken, unwahrscheinlichen Vorkommnissen  und manchen Wendungen flüssig und wunderbar zu lesen ausschmückt.

 

„Das Ende des Vorspanns gleicht dem Tod. Danach kommt das Leben. Aber es ist eben eins gewesen“.

 

Und darum geht’s. Nicht nur irgendein Leben zu “finden“ und zur Not fatalistisch zu ertragen, sondern „sein“ Leben zu „erobern“. Auch wenn man gar nicht weiß, dass es das für einen gibt, was das genau sein könnte und hinter welchen manchmal auch unscheinbaren Wendungen des Schicksals es zu finden sein könnte.

Manchmal aber sehr erkennbare „Wendungen des Lebens“ dann später richtig deuten zu können.

 

So, wie diesen Wal auf dem Schwertransporter, ein Pottwal . Nach einer durchlebten Nacht, die auf einem Hotelzimmer endete. Mit „einer von den kichernden Hostessen“. Wobei Sixten Braun, wunderbarer Protagonist dieser Geschichte, aus dessen „Ich-Perspektive“ Steinfest erzählt, darauf Wert legt, dass er natürlich auch (gut!) hätte „Nein“ sagen können. Zu den Bars, zum Alkohol, zu den Mädchen.

 

Ja, es stimmt, es dauert einige Seiten (die erwähnten „Ausschmückungen“, die assoziative Betrachtungsweise des Lebens, die Steinfest und daher auch seinem Protagonisten Braun tief zu eigen ist), bis der Wal wieder auftaucht, der Faden wieder aufgenommen wird. Aber das ist gut, diese Erzählweise, denn sie gibt dem Leser massig Eindrücke, immer wieder, durchgehend, von dem, was Braun passiert und, vor allem, wie er das alles (meist trocken ironisch) wertet, was die Welt ihm da ins Hotelzimmer sendet oder per Lastwagen auf der Straße vor die Augen. Mitsamt dem folgenden „Actionpainting“.

 

Aber wenn das Leben mit einer solchen Masse zuschlägt, dann könnte es sein, dass das Leben einem etwas mitteilen will. Kommt bei Sixtus Braun zumindest so an. Und schon steht der Entschluss. „Jetzt anders“. Das Leben soll sich ändern und wird sich ändern, ohne das Braun seiner ganz speziellen Sicht auf die und Verarbeitungsweise der Welt entsagen würde.

 

Was dem Leser Seite für Seite hohes Vergnügen bereitet und ihn durchgehend am roten Faden dieser Veränderung dran bleiben lässt. Bei einem, der sich nun anderen zur Verfügung stellen möchte. Rettend, so möglich. Ganz direkt, als Bademeister.

 

Und der noch auf andere treffen wird, die Wandel erlebt haben, die, man kann es so sagen, auf ihre Weise eine bestimmte Form der Tiefe gefunden haben, mit der Sixtus Braun in Kontakt tritt, die er betrachtet, aufnimmt und verarbeitet.

 

Bei all dem in erster Linie bei Simon. Einem ganz besonderen Kind, dem sich Braun wie einem Sohn zuwendet. Der ganz in seiner eigenen Welt lebt, für die Sixtus Braun seine Zeit brauchen wird, mehr und mehr genauen Zugang zu diesem „Rain Man“ zu finden. Und zu sich selbst. Und zu eigentlich verlorenen Beziehungen.

 

Einer, der dafür im wörtlichen und übertragenen Sinne weite Wegen gehen wird, die Steinfest langsam die Verbindung von all dem, was an kleinen und großen Geschichte passiert, erkennen lassen wird.

 

Mit der großen Hilfe seines unvermittelt auftauchenden Sohnes, der „alles betrachtet“, ein „Allesforscher“ ist und damit die Blicke seines Vaters auf vieles lenkt, was dieser ansonsten kaum beachtet hätte.

 

 

Eine wunderbare Sprache, eine Geschichte mit Hand, Fuß und Umwegen, eine Entdeckungsreise in die Welt und eine Verwandlung in sich selbst, die hervorragend geschrieben und ebenso hervorragend in den fein gezeichneten Figuren sich transportiert.

 

M.Lehmann-Pape 2014