amazoncrossing 2012
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Helen Smith – Alison Wonderland

 

Assoziatives Kaleidoskop einer modernen Frau

 

Alison Temple hat ihren Göttergatten verlassen, denn auf die Frage „Wen liebst Du mehr als mich“, zu deren Klärung sie eine Detektei beauftragte, stand letztlich eine kaum zu ertragende Wahrheit im Raum. Nein, nicht nur, dass der Mann anderweitig sich vergnügte, die Geliebte war zudem keine Person, die man als echte Konkurrenz hätte empfinden können. Eine fast erniedrigende Erkenntnis.

 

Die Alison dazu führte, in der damals beauftragten Detektei (die nur von Frauen betrieben wird), professionell tätig zu werden.

Wobei allerdings im Lauf der Zeit weder das Privatleben von Alison wieder in rechte Bahnen fand (eine sexuelle „Begleitliaison“ befriedigt einfach nicht wirklich und der liebeskranke Mitbewohner im Haus (der es wert wäre), zu dem kann Alison sich einfach nicht wirklich durchringen, den betrachtet sie eher als „unverrückbare Bastion“).

Und zum anderen ihr „neuer Umgang“ alles andere als durchschnittlich wäre, was auch nicht unbedingt zu einer Stabilisierung ihres Lebens beiträgt, weder innerlich, noch äußerlich.

 

Die Chefin der Detektei, Fitzgerald, engagiert sich zur Zeit vor allem in hohem Maße gegen ein Pharmaunternehmen, das verdeckt Untersuchungen an Tieren, vor allem Hunden, durchführt, aber auch im Stillen mit Pflanzen experimentiert. Wobei Fitzgerald fast noch mehr beschäftigt ist mit ihrem, dem leichten Wahnsinn verfallenem Bruder.

 

Taron wiederum, so etwas wie Alisons beste Freundin, beauftragt Alison damit, jene Gegend in England herauszufinden, in der am meisten Babys ausgesetzt werden (und wann diese wo am Besten zu finden wären). Tarons Mutter würde ein solches kleines Kind wohl gut tun. Meint Taron.

 

„Ich fühle mich schuldig. Ich war ihr niemals eine Hilfe, weil ich keine Macht habe“.

 

Und wenn der Leser meint, dass zumindest dieser Auftrag nicht ernst gemeint sein könnte und doch einfach nur im der Realität versickern müsste, dann sollte er sich diesen kleinen Kriminalroman dann doch mal in Ruhe zu Gemüte führen. An der Hand jener „Alison Wonderland“ (die ihren Spitznamen daher führt, dass sie, seit langem schon, auf einen „Mr. Wonderland“ wartet, in Single Bars jedoch nur auf verheiratete Männer auf der Pirsch trifft) wird der Leser nämlich durchaus in ein in Teilen fast surreales, paradoxes inneres Denken und innere Befindlichkeiten eingeführt, die einen bunten Strauß an zusammen gewürfelten Persönlichkeiten bei den Protagonisten ergeben, welche dennoch, so ahnt man, durchaus gar nicht so weit von den Realitäten hinter den vielen Gesichtern entfernt sind, die man selbst täglich auf den Straßen trifft.

 

Allein schon, wie Alison knochentrocken das Leben der klassischen englischen Ehefrau im Blick auf ihren eher fülliger werdenden Mann und dessen vermeintlichen „Fremdtritten“ ist des Lesens wert. Frauen, die immer noch und über die Jahre hinweg ihre „Raten“ abstottern für etwas, dass schon kurz nach „Erwerb“ seine damalige Faszination und Nützlichkeit verloren hatte. Nur ein Gedankenfluss unter vielen, vielen, die im Lauf des Buches Alison und anderen Protagonisten fast rein assoziativ durch den Kopf gehen.

 

In Teilen, auch das muss bemerkt werden, leider allzu assoziativ. Die dünnen, roten Fäden, welche die Geschichte zusammenhalten (die Ermittlungen gegen das Pharmaunternehmen und die Suche nach einem Baby) verlieren sich immer wieder aus dem Blick, treten zurück hinter aktuelle Überlegungen und Mitteilungen von Lebenshaltungen oder Erfahrungen „auf der Pirsch“ nach dem anderen Geschlecht. So spritzig das Buch gerade sprachlich daher kommt und so faszinierend in Teilen der Blick in die Innenwelt der Protagonisten auch sein mag, ein wenig mehr an „Geländer“ oder „Rahmung“ im Sinne einer äußeren Geschichte hätte dem Buch gut getan.

 

Nichtsdestotrotz schreibt Helen Smith in einem erkennbar eigenen, frischen Stil und setzt mit Alison Temple eine Frau in den Mittelpunkt, die in ihrem Leben und dem, was sie von all dem zu halten haben soll, doch deutlich hier und da ins Schwanken gerät und zwischen Zynismus und naiver Hoffnung versucht, ihre Gratwanderung des Lebens in einer diffundierenden Welt zu absolvieren.

 

Trotz einiger Schwächen im erzählerischen Bereich bietet „Alison Wonderland“ in seiner besonderen Form eine interessante Unterhaltung und lenkt den Blick auf ganz besondere Persönlichkeiten im Buch, die stellvertretend für einiges stehen, was den gegenwärtigen Alltag im Zwischenmenschlichen nicht immer einfach macht.

 

M.Lehmann-Pape 2013