Hanser 2013
Hanser 2013

Helene Hegemann – Jage zwei Tiger

 

Und es geht doch nicht allein

 

„Die Krankenschwestern sahen uninteressiert aus und hatten zu dünne Stimmen und waren verwundert über Kais nahezu zynische Herangehensweise an die Verarbeitung des Verlusts seiner Mutter, der ihn so gut wie kaum zu tangieren schien“.

 

Aber die Schwestern wissen ja auch nicht, dass Kai im Augenblick des Unfalls, als er realisiert, dass seine Mutter nur noch ein lebloses Stück Fleisch ist, sich „von Nichts und Niemandem mehr abhängig zu machen“.

 

Was genau betrachtet, nur ein paar Minuten eigentlich wirklich funktioniert. Denn als er Samantha (kurz) kennenlernt, Teil einer kleinen Zirkusfamilie, ist es eigentlich schon um ihn geschehen. Im Alter von elf Jahren damit schon eine große Liebe entdeckt, so scheint es. Denn jene Samantha ist der Grund dafür, dass Kai zwei Jahre später, als alles wieder im äußeren Gang der Dinge einigermaßen zurechtgerückt erscheint, er bei seinem Vater und dessen neuester Freundin (eher Gespielin) lebt, sich aufmachen wird. Im Buch vordergründig, um Samantha zu finden (die ganz nebenbei eine Mitschuldige am Tod seiner Mutter ist).

 

Hintergründig aber startet spätestens da Helene Hegemann mit dem Leser an der Hand ihre intensive, teils hektische, teils oberflächliche, teils tiefgreifende Reise und Suche in der Welt unserer Tage. Wo denn dort noch wirkliches Leben hinter allen Images, echte innere Entwicklung, das wahre Leben hinter aller Fassade und Geschwindigkeit des modernen Lebens zu finden wäre. Eine Sehnsucht nach dem „Echtem“, dem, was innerlich tragfähig ist.

 

Ernüchternd wirkt vor allem, wie wenig Hilfe für die „Jungen“ bei „den Erwachsenen“ zu finden ist. Durchweg nur auf sich fixiert, nur damit beschäftigt, möglichst ungestört und ohne allzu viele echte, innere, menschliche Herausforderungen den Tag verstreichen zu lassen. Allen voran Kais Vater, der dies ganz klar formuliert und sich ansonsten, wie alle anderen auch, sich selbst zuwendet.

 

In Bewegung sind alle Figuren des Buches. Aber während die einen, die „Jungen“ hinter etwas her und auf etwas zugehen wollen (und damit zu Sympathieträgern im Buch werden), sind die anderen, „die Alten“ auf einer nimmermüden Flucht vor allem vor sich selbst und allem, was die Leere hinter den Aktionen ihres Lebens spürbar machen könnte.

 

Das Ganze, wie das Eingangszitat andeutet, in jener ganz typischen, absolut der Gegenwart entspringenden, oft und oft mit kleinen Adjektiven und Nebensätzen den Punkt treffenden Sprache. „Uninteressierte Krankenschwester mit dünnen Stimmen“, schon  darin spiegelt sich ein Blick auf die Welt. Aneinander interessiert? Mit Klarheit in der eigenen Person? Oft weit gefehlt (und nicht nur was diese Schwestern angeht).

 

Wo gibt es stabilen Boden? Wie geht man um mit den vielen Anforderungen des Lebens, wie entscheidet man, was wertvoll und was nichtig an all den vermeintlichen „Wichtigkeiten“ ist?

 

Wortreich in Szene gesetzt, wobei Hegemann ständig bereit ist, denn Blick links und rechts (oft kurz) abschweifen zu lassen, um noch ein Beispiel, noch eine Situation zu erzählen, die das Gemeinte wie nebenbei klarer werden lässt. So findet sich im Stil jene inne liegende Betrachtung einer ausufernden und sich nicht auf das Wesentliche fokussierenden Welt gespiegelt, Was allerdings nicht an allen Stellen gelingt und des Öfteren in einem „Geplapper“, im „Worte um der Worte willen“ ausufert. Stellen, die man später dann gerne auch überliest, um den Faden nicht zu verlieren.

 

Dennoch trifft diese Weltbeschreibung. in der die „Alten“ aus ihren zertretenen Spuren nicht mehr herausfinden und die „Jungen“ für Mühe haben, in eine Form echten Lebens für sich „hineinzufinden“.. Eine langweilige und gelangweilte Welt, deren höchstes Gut Zerstreuung zu sein scheint, und sei es, in dem man Steine auf Autors wirft.

 

Ein Buch, das auf seine ganz eigene, teils durchaus auch weitschweifige Art und Weise hoch aktuell dem Leben einen Spiegel vorhält und all jene Oberflächlichkeiten, materielle Ausrichtung und, im Kern, dem Weglaufen der Welt vor sich selbst einen Spiegel vorhält.

 

M.Lehmann-Pape 2013