Kiepenheuer und Witsch 2015
Kiepenheuer und Witsch 2015

Herrmann Koch – Sehr geehrter Herr M.

 

Mit ständig hintergründiger Spannung

 

Was mag nur dieser Mit-Hausbewohner (eine Etage tiefer) mit diesem alternden Schriftsteller M. so genau haben?

 

Er beobachtet Ihn, er erstellt in aller Breite und präziser Tiefe durch seinen „Brief“ (der Roman beginnt als Brief und ist. Bei näherem Hinsehen, fast wie ein einziger Brief an M. formuliert) ein umfassendes Psychogramm M.´s (und des Typus des alternden Schriftstellers an sich gleich mit), von „hochtalentiert“ über „Durchbruch“ bis hin zum aktuell schon beginnenden „Vergessen“.

 

Er weigert sich, Gesichter zu beschreiben und erzeugt beim Leser dennoch ein ungeheuer lebendiges Bild der Person und des Lebens M.´s. Und beginnt, sein eigenes Leben hineinfließen zu lassen und das so mancher Lehrer, die vor Jahren wie durch eine unbekannte Seuche in kurzer Zeit dahingerafft wurden.

 

Seite für Seite, vor allem, wenn Hermann Koch beginnt, die zweite und dritte Perspektive der Erzählung auszubauen, wird dabei deutlicher, dass zum einen der „Nachbar“ (vielleicht sieht sich Koch selbst in dieser Rolle, einige Indizien deuten darauf hin) eine ganz eigene, Gefahr verströmende Lebensgeschichte hinter sich hat (und einen Plan gegen M. ausgereift ausfeilt) und das zum anderen (noch) unbekannte Zusammenhänge zwischen dem „Nachbarn“ und „M.“ bestehen.

 

Das der jüngere Mann die Post des älteren Schriftstellers filzt, dass er voller Verachtung diesem gegenüber ist, dass er den selbstgefälligen Mann fast stalkt, dass er sich, vor allem, in einem klug gewählten Momente dessen weit jüngerer Frau und Tochter in einer Art und Weise nähert, die nichts Gutes bedeuten kann, all das fasziniert den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn durch die stets mitlaufende Ahnung von Gefahr einerseits und die intensiv  sich entfaltenden Personen andererseits kaum eine Atempause in der Lektüre finden.

 

Vor allem, weil Koch nicht nur die Beziehung der beiden Hauptpersonen (der eine belauernd, der andere lange eher ahnungslos) zum Gegenstand seines Romans setzt, sondern immer wieder „Exkursionen ins Leben“ mit einfließen lässt.

 

Seine Beschreibung des Lehrerkollegiums der „alten Geschichte“ im Buch, der einander fremden Eltern, der ersten großen Liebe und des Preises, den das alles kostet trifft dabei ebenso ins Schwarze und liest sich ungemein treffend und flüssig, wie die ein oder andere ausführlich gestaltete Szene bei Lesungen in Buchhandlungen (wobei im ersten Teil die Personen der Lehrer und im zweiten Teil die „lebensgelangweilten“ Besucher von literarischen Lesungen in keiner Weise gut wegkommen).

 

Vom fast „notgeilen“ jung dynamischen Lehrer mit dem Faible für Abschlussschülerinnen bis zu jener Frau, die sich ihre Bücher aus Bibliotheken leiht (und dabei von M. mit Worten fast „gezüchtigt“ wird) bietet Herrmann Koch lebendige, farbige, ungemein präzise getroffene Lebensumfelder und Persönlichkeiten, die jederzeit für den Leser emotionale Nähe in sich tragen.

 

„Während einer Lesung vergeht die Zeit wie im Fluge…… Sie ist wie Wasser, das sich den kürzesten Weg zum Meer sucht, oder, besser gesagt, zum Gully. Es ist buchstäblich verlorene Zeit“.

 

Im Gegensatz zur echten Lektüre, da versteht M. keinen Spaß (du scheibt mit einer nebensächlichen Bewegung all jene Versuche und Meinungen vom Tisch, es wäre nötig, „die Jugend“ zum Lesen zu „erziehen“.

 

Lesen ist leben. Leben gerät in Gefahr. Eine Schlinge zieht sich zusammen und ein altes Geschehen wirft dunkle Schatten in die Gegenwart. An diesem „roten Faden“ betrachtet Hermann Koch mit Süffisianz und einem bestechend klaren Blick die Schule, die Jugend, die Buchläden, die literarischen Flaneure und die Welt des „Schriftstellerns“ an sich in dieser sehr empfehlenswerten und emotional dichten Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015