Fischer 2010
Fischer 2010

 

Horacio Quiroga – Die Wildnis des Lebens

 

Düstere Geschichten von Tragik und Leid

 

Das der Blick Horacios Quirogas auf diese Welt ein düsterer, in Teilen fast verzweifelter ist, ist erst dann wirklich verständlich, wenn seine Lebensgeschichte in den Blick rückt.

 

Sein Leben über eine lange Zeit voller Entbehrungen im Urwald Argentiniens, seine Schuld am Tod eines Freundes, gepaart mit der Fülle an ihm vertrauten und nahestehenden Menschen, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen sind jene Härten und Schläge des Lebens, die ihn als Menschen, aber auch als begnadeten Erzähler von Geschichten geprägt haben. Auch er selbst wählte letztlich den Selbstmord als Weg, nachdem er unheilbar erkrankte.

 

Wie sonst als als bedrohliche und düstere Wildnis kann ein Mensch mit solcher Lebensgeschichte die Welt betrachten?

 

Im nun vorliegenden Band seiner gesammelten Erzählungen sind dies die beherrschenden Themen. Ein umkreisen, in die Tiefe dringen, geschüttelt und durchgerüttelt sein von Tod, Wahnsinn, enttäuschter Liebe, Verlust, Schmerz, Entbehrung. Immer ist es der Einzelne, der dieser überbordenden, drohenden Wildnis des Lebens gegenüber steht und Mal für Mal erkennen muss, dass er diesen Kräften letztlich nur ausgeliefert sich vorfindet.

 

In der Betrachtung der „Tagelöhner“ wird dies auf mehreren Ebenen deutlich. Dieses dem Tag ausgeliefert sein, in den wenigen Momenten der freien Gestaltung lieber den Alkohol schnell verschlingen, um nicht zu offenen Auges das eigene Leben zu sehen und lieber den kargen Lohn zu verspielen, denn einen wirklichen Ausweg gibt es ja nicht aus diesem Tageslebenskreislauf.  Die geplante Flucht eines der Tagelöhner versiegt.

 

Ebenso kaum erträglich die Geschichte des Vaters voller Hoffnungen, in der Quiroga fast schmerzlich die Kraft des alleinerziehenden Vaters in der Erziehung des Sohnes beschreibt. Diesen frei zu lassen und dennoch anzuleiten, wie gut es gelungen ist und dann stirbt der Sohn durch einen Unfall bei der Jagd. Und wir begleiten als Leser den Vater beim Beginn der inneren Verdüsterung zum Wahnsinn hin, in wenigen Sätzen beschrieben, in Worte zementiert.

 

Bedrängende, nicht loslassende und doch so gern vermiedene Themen der düsteren, verlustreichen Seite des Lebens sind es, die Horacio Quiroga als Lebens- und literarisches Thema verarbeitet. In einer Sprache, die auf den Punkt bringt und dort in solcher Intensität verharrt, dass die Schmerzen seiner Protagonisten fühlbar durch die Buchstaben dringen.

 

Kein Buch für Zwischendurch, literarisch glänzend umgesetzt, weder in Thema noch in der Intensität der Umsetzung leicht zu ertragen. Sprachlich mit höchster Qualität. Man versteht, warum Horacio Quiroga verstanden wird als Begründer der Gattung Erzählung in Lateinamerika. Und das alles hervorragend und sprachgetreu übersetzt von Angelica Ammar.

 

M.Lehmann-Pape 2010


Leider lässt die Edition sehr zu wünschen übrig. Quiroga ist die Gründungsfigur der eigenständigen lateinamerikanischen Erzählung, die bei uns sehr zu Unrecht im Verborgenen geblieben ist.

Von daher wäre eine sorgfältige Erzähl-Auswahl sehr notwendig gewesen.

Doch wie sieht sie Ausgabe aus?

Exakt die Hälfte der Kurzgeschichten (natürlich Quirogas bekanntesten) sind bereits in anderen Anthologien (Aufbau Verlag, Suhrkamp) enthalten, also nichts Neues. Und die andere Hälfte der Edition sind dann doch eher weniger interessante Erzählungen, mit wenigen Ausnahmen. Andererseits, den Anspruch, den spanischen (vollständigen) Sammelband "Todos los Cuentos" eins zu eins ins Deutsche zu übertragen, ist man ebenfalls nicht nachgekommen.

Quiroga hat auch heute noch erstaunlich aktuelle Erzählungen geschrieben, in denen er z.B. die Zerstörung des Regenwaldes und Drogensucht thematisierte (El regreso de Anaconda, El infierno artificial). Äusserst interessant ist auch zu sehen (lesen), wie er erotische Themen in der damaligen Zeit zu präsentieren wusste (Una historia inmoral, La llama). All diese bisher nicht auf Deutsch erschienenen Erzählungen fehlen leider in dem Band. Sehr Schade. Völlig ohne Konzept.

 

Mark Gelkowski 2010