DVA 2012
DVA 2012

Howard Jacobson – Liebesdienst

 

Die (süße) Qual der Eifersucht

 

„Es war eine große Versuchung, die Gelegenheit zu nutzen und zu gestehen: „Nein, Maria, es wird mich nie etwas davon abbringen können, weil es nichts Wichtigeres gibt““.

 

Wobei Maria die attraktive, lebensoffene Frau des Felix Quinn ist, seines Zeichens Buchhändler für seltene, antiquarische Bücher. Vor allem aber einer, der einen langen, durchaus mit Schmerzen versehenen Anlauf genommen hatte in der Frauenfrage. Und der mehr oder weniger ungeplant jene Maria aus ihrer vorhergehenden Ehe herausgelöst hatte und nun selber mit ihr verheiratet in London lebt. Aber nun doch alles hat, was sein Leben begehren könnte, oder?

 

Alles könnte gut sein, wenn da nicht Felix jene eigenartige Form des stacheligen Schmerzes in sich tragen würde. Das jemand stolz auf „seine“ Frau ist, diese gerne vorzeig und gerade durch die interessierenden Blicke anderer Männer sich noch bestätigt fühlt, das ginge dem „normal“ denkenden Mann ja noch ins Verständnis. Diese unerhört Steigerung der persönlichen Lust allerdings durch den „Stachel der Eifersucht“ und das am Besten auch real, tatsächlich geschehend, da benötigt man einen Augenblick und ein wenig der Lektüre schon, um das nachvollziehen zu können.

Felix zumindest wird dies in einem Augenblick ganz klar, was immer schon latent in ihm lag.

Ales Maria auf einer Reise erkrankt, untersucht sie ein leicht schmieriger Arzt, der vor den Augen des besorgten Ehemanns mit Freude seine Hände länger auf dem entblößten Körper der schönen Gattin verweilen lässt, als es eine Untersuchung brauchen würde und der zudem einen verstehenden Blick zum Ehemann wirft.

 

Felix ist nun alles klar, von dieser Erregung voller Schmerz kann er nicht mehr lassen und lässt fortan nun keine Gelegenheit aus, seiner Frau „Gelegenheiten zu verschaffen“. Wobei diese ein wenig braucht, das alles zu verstehen.

All dies erscheint in einer Welt der emsigen Beharrung auf Treue völlig unverständlich, bis das erste Zitat des Grafen von Masoch auftaucht und die Veranlagung des Felix, verbrämt nur eingestanden, offen zu Tage tritt. In der Qual findet er sich selbst, verliert sich im Schmerz, leidet am Liebeskummer und fühlt sich dabei dennoch unglaublich lebendig. Auf eine eben ganz andere als die gewohnte Art und Weise. Was ihm schon in jungen Jahren deutlich wurde, als seine erste „Freundin“ ihm gar inmitten einer Kinovorstellung „abhanden“ kam. Was man ja erst mal schaffen muss im Dunkeln. Ein Stachel, der tief sitzt, der jene grundlegende Eifersucht begründet hat, die einerseits auch Lust ins ich trägt, die andererseits aber eben überwunden werden muss. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, dass ist die verquere Strategie, der sich Felix verschrieben hat. Um „Eifersuchtslos“ zu werden oder doch um den Stachel zu genießen? Wohl schwingt beides mit.

 

Jacobson führt den Leser tief hinein in die Gedankenwelt und die Empfindungen aller Beteiligter, nicht nur des Felix. Maria in ihrer Art und Weise, ihrer „Fremdheit“ im eigenen Leben, dass sich nur im Tanz auflöst, Felix selbst, der akribisch Pläne schmiedet, seine Frau mit einem anderen Mann zusammenzubringen. Marius, der Misanthrop und zynische Verbrauchte, dabei aber mit einem unentrinnbaren Charisma Frauen gegenüber ausgestattete Mann, den Felix engmaschig mit hineinnimmt in seine Sehnsucht nach Liebesschmerz.

 

Diese und weitere Personen werden in ihrem Sein, ihrer Geschichte, in ihrer Entwicklung Seite für Seite auf sprachlich hohem Niveau und mit dem Talent für Zwischentöne und plastische, bildkräftige Beschreibungen durch Jacobson durch diese „ver-rückte“ innere Geschichte voran gebracht. Wobei über lange Zeit hinweg das Geschehen fast ein wenig verharrt, zu sehr im vagen und ungefähren verbleibt, bis dann tatsächlich eine reale Dynamik entsteht und alles mit sich zu reißen droht. In dieser langen Vorbereitungszeit kann dann auch die Lektüre, bei aller sprachlichen Geschliffenheit und bei allem unterhaltsamen Plauderton, den Jacobson an den Tag legt, ein wenig lang werden. Aber es lohnt sich, hier nicht zu überblättern und an der langsamen Entwicklung nicht zu verzagen, denn selten gelingt es im Gesamten, ein solch umfassendes und stimmiges „Innenbild“ einer ganz anderen Seite der Liebe in solch gründlicher und überzeugender Form vor die Augen des Leser zu führen. Mitsamt vielfacher Verweise auf die Betrachtung der Eifersucht in der Literaturgeschichte.

 

Mit einigen Längen legt Jacobson alles in allem eine hervorragend beobachtete „Innensicht“ der „Lust und Schmerz an der Eifersucht“ vor, in der er präzise auch die Ohnmacht dieser Lust gegenüber aufnimmt und eine vordergründig surreale Situation schafft, die in der Tiefe aber dann durchaus gar nicht mehr so befremdlich wirkt. Sprachlich wunderbar umgesetzt und zu vielfachen differenzierten Beschreibungen fähig, hallt das Buch durchaus lange nach.

        

M.Lehmann-Pape 2012