Berlinverlag 2018
Berlinverlag 2018

Husch Josten – Land sehen

 

Kontrolle oder Vertrauen?

 

Horand Roth, Vorname dem alten Nibelungenlied entlehnt, ist Professor für Literatur. Im mittleren Alter. Gerne für sich und hat es gerne übersichtlich. Nicht nur, was das penibel und sparsam eingerichtete Appartement angeht, dass er nach seiner Ehe bezogen hat (was war das schwer zu ertragen, die zugestellte und mit Zierart überlastete Dreizimmerwohnung vorher). Aber auch, was seine Beziehungen angeht, hat Horand gerne die Kontrolle. Begegnung gerne, aber danach ist es ein Fest, morgens alleine aufzuwachen oder zumindest die gerade aktuelle Liaison kurz zu verabschieden, um wieder alles im Maß und mit Übersicht zu halten.

 

Sein Onkel Georg, wohl schwarzes Schaf der Familie, wenn man sich überlegt, wie abrupt und endgültig der Bruch zwischen Horands Eltern und seinem Onkel damals stattfand (er selbst hat keine Ahnung, worum es ging, nur dass er seinen Lieblingsonkelt seit 30 Jahren nicht gesehen hat). Einer, der mit Horand den Flausen nachjagte, der mit dem Jungen von damals elegische Schlachten mit vier Händen am Klavier austrug und der, ganz grundsätzlich, nicht überlegt und kontrolliert lebte, sondern hedonistisch und frei auch nach dem Bruch mit der Familie durch die Welt zog.

 

Unter anderem eine gewisse Phase beschäftigt mit Urheberrechten einer Firma mit einem Angebot ganz besonderen „Spielzeugs“. Was in der Gegenwart des Romans besonderer Bedeutung zukommen wird und damit das unorthodoxe dieses Georgs unterstreicht.

 

Denn nach 30 Jahren hat sich Georg einfach so bei Horand gemeldet. Von einem Rockfestival in Argentinien aus. Um drei Wochen später vor der Tür des Professors zu stehen. Onkel Georg wird and er gleichen Universität, an der Horand lehrt, seine Promotion vorantreiben. IN Theologie. Schau an. Kaum zu glauben. Dass aber Georg scheinbar nicht nur fromm geworden ist, sondern gar radikal fromm, das vermag Horand überhaupt nicht zu verstehen.

 

Mönch. Teil der Piusbruderschaft. Und dennoch, immer noch, durchaus in der Lage, einer Sekretärin an der Universität eindeutige und eigentlich, gerade für einen Mönch und Priester, nicht salonfähige Tipps zu geben. Was nur eine der erstaunlichen Charaktereigenschaften des „besonderen Mönches“ ist.

 

Aber wie Horand es auch versucht, wenn es um die Erlebnisse Georgs geht, dann ist dieser recht vage, verschwiegen. Oder, anders gesagt, antwortet in einer Art und Weise, die für Horand wenig Sinn ergibt.

 

Noch, sollte man zu Beginn des Romans sagen. Denn das gesamte Werk ist eine abenteuerliche und den Geist herausfordernde Reise ins Innere und in die Essenz des Lebens.

 

In die Frage, ob der Glaube (im Sinne eines unbedingten Vertrauens, nicht eines reinen „Für-wahr-haltens“) auch heutzutage noch Kraft genug hätte, Menschen innerlich zu bewegen. Radikal zu verändern. Dem Leben Impulse zu geben, die nicht zu mehr Bequemlichkeit oder einer besseren Karriere führen, wohl aber zu einer inneren Ganzheit, zum „Heil“.

 

„Wie hast Du es mit dem Glauben“?

Jene Frage Gretchens aus Goethes Faust, die Georg nach 30 Jahren umgehend am Telefon stellt. Georg, der dennoch nicht missioniert, der Horand nicht Wahrheiten entgegenruft, sondern ein Miteinander installiert, in dem der Professor selbst mehr und mehr jene Fragen nach Sinn und Sein aus dem Inneren emporsteigen fühlt.

 

„Wie und warum bist du in diesem Orden gelandet“?

„Ich habe ihn mir ausgesucht….: Ich habe mich nach ziemlich viel Leben für die Ewigkeit entschieden“.

„Eine extreme Ewigkeit“.

„Das stimmt. Aber alles andere ergab für mich keinen Sinn“.

 

Und es wird emotional dicht und ernst, wenn im Lauf der Lektüre ganz langsam die wahren Bewegründe des Mannes zu Tage treten werden.

 

Und um diese Frage nach dem Glauben und diese zunächst nebulöse Antwort Georgs entfaltet Josten einen fulminanten Roman, sprachlich meisterhaft verfasst, der den äußeren Erlebnissen der Protagonisten neue Deutungen öffnet, der ganz ernst im Kern und leger in der Sprache den Leser beständig miteinbezieht in eine Reflexion der eigenen Haltung, ob nicht an sich Glaube das Leben mehr bestimmt als die nackten Fakten und ob dabei nicht ein wirklicher „extremer“ Schritt wichtig wäre, um das eigene Leben irgendwann runden zu können.

 

 

Denn, auch das sei gesagt, jeder Ort im Buch, alles Verbindungen familiärer Orte, die Landschaft und die vielen Gedanken, die Seite für Seite den Weg durch das Buch begleiten, bilden am Ende einen Zusammenhang und ergeben ein Gesamtbild, dass den Leser berührt zurücklässt. Und lange weiterwirken wird. Und dabei den Glauben als eine wirksame Erlebniswelt ganz natürlich setzt, ohne mit abstrakten Doktrin zu überfordern.

 

M.Lehmann-Pape 2018