Kiepenheuer & Witsch 2017
Kiepenheuer & Witsch 2017

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

 

Der zerbrechende amerikanische Traum

 

Bestens gewählt ist die deutsche Übersetzung des Titels dieses Debütromans von Imbolo Mbue, denn genau über diese Doppeldeutigkeit der Worte schreibt Mbue.

 

Amerika als Sehnsuchtsort, das ist die eine Seite, die im Buch eine tragende Rolle spielt und für Jende Jonga, den kamerunischen Mann, der vor drei Jahren in das Land der „Hoffnung auf erfüllte „Träume“ kam. Dem es mit Hilfe seines Cousins Winston, der bereits sehr gut im System Fuß gefasst hat im „gelobten Land“, gelang, genügend Geld zu erwirtschaften, um den Brautpreis für seine Frau bezahlen zu können, so dass diese nun mit dem bereits geborenen gemeinsamen Sohn nachkommen konnte.

 

Unverbraucht, stark ist dieser Traum in Jende. Und erhält neue Nahrung durch seine Chance nun, als Fahrer eines hohen Managers der Lehmann-Bank richtig Geld zu verdienen (in seinen Augen).

 

„Amerika ist Amerika! Jeder will nach Amerika. In diesem Land sein. In diesem Land leben. Das ist das Größte überhaupt“.

 

Denn Jende sieht eines ganz klar, was sein Kamerun angeht, das er ja durchaus in sich mit sich gebracht hat bei seinem „Exodus ins gelobte Land“ (nicht umsonst hat Mbue Verse aus dem 5. Buch Mose ihrem Roman vorangestellt).

 

Denn in Amerika kann etwas aus ihm werden, aus dem armen Niemand, der er in Kamerun war. Dort, da kann nur werden, wer schon von Geburt her etwas ist.

 

„Wenn man nicht aus einer Familie mit gutem Namen kommt – keine Chance“.

 

Wenn sich Jende da mal nicht täuscht. Denn Clark Clarks, sein Arbeitgeber, weiß es eigentlich für sich schon besser. Er sieht von seinem Posten aus wie ein Ausguck auf dem hohen Mast, was an Zerbrechen, an Gier, an Erschütterung, an hohlem Schien statt gewichtigem Sein diesen amerikanischen Traum bereits unterhöhlt hat. Und das wird ein weiteres zentrales und bedeutsames Thema des Romans sein, der Zusammenbruch der Lehmann-Bank als Symbol für die Hybris des Menschen und die Entlarvung des „amerikanischen Traums“ als „Brot und Spiele“ für den einfachen Mann und Menschen.

 

Es ist wie „nur geträumt“ im zweiten Sinn des Titels, dass jener Aufstieg, von dem Jende träumt, wirklich möglich sein könnte. Eine Erinnerung vielleicht noch an das, was früher war, eine leere Hülle.

 

Wobei Mbue nicht das naheliegende vollzieht, und in Gesellschaftskritik ihre Erzählung ausufern lässt, sondern sehr viel subtiler und sprachlich in bester Weise sich der Bedeutung all dessen für die beteiligten Menschen zuwendet.

 

Faszinierend ist es, mitzuerleben, wie gerade Clarks, der doch alles aus erster Hand sieht, der die Zerbrechlichkeit, die Verlogenheit „des Systems“ durchschaut, sich nur halbgar gegen all das wendet und, wenn es darauf ankommt, bei seinem ältesten Sohn, jede Menge Hebel, Beziehungen und väterliche Überredung daran setzt, diesen in ein Praktikum „innerhalb“ dieses maroden Systems zu bringen.

 

Soweit geht zunächst die innere Einsicht nicht, den Sohn doch gerade darin zu unterstützen, in jenem Reservat in Arizona einen anderen Weg zu erproben.

 

Aber ist das so? Dass das alles nur „tönendes Erz“ ist und dennoch alternativlos für ein einigermaßen gutes Leben?

 

„Es ist mir ein absolutes Rätsel, dass keiner erkennt, wie lächerlich es ist, immer und immer wieder dasselbe zu machen und davon auszugehen, dass wir schon irgendwie durchkommen“.

 

Nun, es ist noch ein weiter Weg, auch im Roman, bis Clarks innerlich den Unterschied begreift zwischen „darüber reden“ und „selber betroffen sein“. Der dann sehr schnell geht und alle den Boden unter den Füßen verlieren werden, kein Lebenskonstrukt so bestehen bleiben kann und bleiben wird.

 

 Durchaus unterschiedliche werden diese so unterschiedlichen, durch einen Job als Chauffeur verbundenen Menschen auf die Ereignisse reagieren und, ganz am Ende, so ziemlich alles an Träumen beerdigen werden müssen.

 

 

Ein wunderbarer, bestens lesbarer Roman mit Tiefgang.

 

M.Lehmann-Pape 2017