Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

Inger-Maria Mahlke – Rechnung offen

 

Gestrandete Menschen

 

Es ist schon ein merkwürdiges Sammelsurium an Menschen, die sich in der Gegenwart des pulsierenden und sich stark verändernden Berlins im Buch zusammenfinden. In Neukölln leben sie, Claas, Ebba, Theresa, Niklas, der kleine Lucas und seine „durch das Leben rudernde“ Mutter, Camille, die sich im Cafe als Küchenhilfe durchschlägt. Oder Hanne, die Männer auf die Knie bringt, den Hintern schön nach oben gereckt, alle verbunden auf die ein oder andere Weise durch ein Mietshaus, das Claas gehört.

 

Claas, den Theresa (die genug mit ihrer Mutter zu tun hat und lieber sich einem älteren Mann zuwendet als in Claas ein „Kind im Manne“ an ihrer Seite ertragen zu müssen) vor vollendete Tatsachen stellen wird und der bei Ebba, seiner Tochter, die seit Monaten noch nicht einmal es geschafft hat, ihre Umzugskisten auszupacken, um eine Luftmatratze nachfragt. Und selbst die wird er dort nicht finden und erhalten. Claas, der seiner Leidenschaft unselige und unnütze Dinge ständig zu erwerben (3-2-1 meins) kaum mehr nachgehen kann, weil sämtliche Konten und Kreditkarten bis ans Limit ausgereizt sind.

 

Und alle sind in irgendeiner Form mit allen verbunden und doch nicht verbunden, da jede der Figuren von Mahlke wie ein Monolith angelegt ist. Losgelöst lebt und schwebt jeder der Figuren in ihrer eigenen Welt und da, wo es zu Kontakten kommen könnte, wo Nikolai, der den „Enkel Trick“ perfektioniert umsetzt, sich Camille nähern möchte, an diesen Nahtstellen brechen die letzten Fassaden noch auf und die Unfähigkeit, miteinander in Kontakt zu kommen, die „Insel“ des eigenen, selbstzentrierten Lebens zu verlassen tritt klar und schmerzlich zu Tage. Ein Buch, das in treffender Form die „Trostlosigkeit des Seins“ schmerzlich greifbar in den Raum setzt.

 

Eine klare Richtung, Sinn und Ziel, einen erkennbaren Weg, den haben all diese Menschen im Buch nicht, nicht mehr.

 

Was es im Übrigen, trotz der hervorragenden und präzisen Sprache Mahlkes, schwer macht, den einzelnen Erzählfäden durchgehend konzentriert zu folgen. Namen schwirren durch die Seiten, Assoziationen taumeln ins Leben, Türen werden geöffnet oder eben mit angehaltenem Atem geschlossen gehalten. Einfache Kost ist es nicht, die Mahlke in ihrem neuen Roman über das Leben der „modernen Großstädter“ bietet. Und warum dann des Öfteren und gerne auch ausführlich menschliche Ausscheidungen aus allen Körperöffnungen akribisch geschildert werden müssen mitsamt der entsprechenden Gerüche, (die in der Fantasie des Lesers sehr lebendig wachgerufen werden), dass erschließt sich im Gesamten kaum. Hier scheinen andere Bücher, die sich ebenfalls intensiv mit „Gerüchen und Ausscheidungen“ beschäftigt haben, ein stückweit Pate gestanden zu haben.

 

So ergibt sich im Gesamten ein differenziertes Bild.

Hervorragend getroffen ist die, innerlich wie äußerlich, wegdriftende Atmosphäre im Leben der Protagonisten, die Distanz des Lebens, die Mahlke mit ganz hervorragenden sprachlichen Mitteln messerscharf beschreibt. So manche Querverbindungen und näheren Schilderungen von Toilettengängen und dem „rückwärts von sich geben“ von Lebensmitteln demgegenüber wirkt wie aufgesetzt im Rahmen einer eher assoziativen Erzählweide, die es dem Leser nicht immer einfach macht, in der Handlung wirklich anzukommen.

 

M.Lehmann-Pape 2013