S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Ingo Schulze – Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

 

Eine deutsche Geschichte aus zwei Welten durch die Augen der Einfalt

 

25 Jahre Alltagsleben in Deutschland. Bis 1989 in der „DDR“, von da an, wie alle, im neu vereinten Deutschland.

 

„Waren Sie da?“

„„Kann man so sagen“, sagt die Genossin, deren Stimme mir ins Ohr sticht. „Wir sind überall auf der Erde….Setz Dich“.

 

Was natürlich ein typisches Selbstverständnis der „Genossen“ damals zum Ausdruck bringt, aber die Frage Peters nicht unbedingt beantwortet, was das konkret nachgefragte Kinderkonzert betrifft. Dafür aber müsste dieser Peter Holtz zu einem Denken auf mehreren Ebenen, zu Assoziationen, spitzzüngigen Formulierungen und überhaupt zu einem gewissen Überblick über Geschehnisse fähig sein. Was ins einem Fall in keinem Fall der Fall ist.

 

Wie ein tumber Tor läuft er durchs Leben und durch die Zeit und fällt doch immer, selbst wenn Schulze seinen Protagonisten in bedenkliche Schräglagen bringt, fest auf die Füße.

 

Und geht so Jahr um Jahr durch die Zeit, dass zu Hause, die nähere Umgebung, die Nachbarschaft. Immer kongenial von Schulze im sprachlichen Ausdruck begleitet und entfaltet, denn in diesem Roman ist nicht nur die Hauptperson einfach gestrickt, sondern dieser entsprechend die Sprache ebenso einfach gehalten, dem schlichten Gemüt entsprechend.

 

„Komm, Sportsfreund, stell dich nicht dümmer an…..“. Da zeigt der leicht gereizte Ton „der anderen“ ein um das andere Mal, dass so was fast gar nicht möglich ist, diese Schlichtheit. Aber Peter stellt sich nicht „dumm“ an. In gewisser Weise ist er das. Mit einer gewissen Bauernschläue und einfach auch Glück versehen, was das Leben angeht.

 

Dialoge in vielfacher Form geben dem Leser dabei immer mehr Einblick in den naiven Blick Peters, der immer und immer wieder ins humoristisch abgleitende Blüten treibt.

 

Oder wie wäre der Umgang mit einer Prosituierten sonst zu verstehen?

 

„„Wenn du nicht aufstehst, knie ich mich auch hin“. Da Lilly nichts dergleichen tut, gehe ich auf die Knie“ „Sei nicht blöd“, sagt sie. „Was ist denn?“. „Wollen wir lieber aufstehen“?“, frage ich. „Musst du sagen, so einen Fall hatte ich noch nicht“.

 

„„Na dann“, sage ich und rutsche auf den Knien noch ein Stück näher an Lilly heran.

 

Einer, der zu DDR Zeiten ein 150 prozentiger war. Nicht aus Überzeugung, sondern weil er eben immer die Gegebenheiten nimmt, wie sie sind und nicht in Frage stellt. Was für den Leser einen nicht nur oft lustigen, sondern durchgehend auch interessanten Blick aus der „Toren-Perspektive“ auf all die Wichtigkeiten, Worthülsen, „großen“ Personen der Zeit, auf den Wandel und das staunende Ankommen „im neuen Deutschland“ immer wieder auf den Punkt bringt.

 

Ob freischaffend als Sänger, ob „dann aber richtig im System als „IM“, ob als einfacher Handwerker, immer verbiegt Peter Holtz naiv, frei und alles wörtlich nehmend selbst die konspirativsten Pläne anderer.

 

Eine hervorragende Überspitzung dessen, was ein System aus Menschen macht. Wie diese geformt und indoktriniert werden, auf verschiedene Weisen zwar, doch immer mit dem Ziel der „Gleichschaltung“. Gerade weil Peter Holtz in beiden Welten seinen unverdienten und zufälligen „Erfolg“ geradezu unwissend zelebriert, treffen so viele der klugen Beobachtungen Schulzes im Roman den Nerv der Zeit. Und wie sich dieser an solchen Personen fast mehr bricht, die alles befolgen, als an jenen, die bierernst sich mit aller Kraft dagegenstellen.

 

 

Daher ist dieser weltfremde Tor in manchem näher an der eigentlichen Welt, als viele andere.

 

M.Lehmann-pape 2017