C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Ingomar von Kieseritzky – Traurige Therapeuten

 

Berechtigte (?) Welt – Flucht

 

Drei Manuskriptmappen liegen auf dem Tisch im Zimmer des Sanatoriums, in das Arthur Singram durch freundliche Empfehlung des Therapeutengespanns Wolzan / Guth (Heilpraktiker und Hierologen mit einem Schwerpunkt auf altägyptischen Heilschriften) Aufnahme gefunden hat. Ohne speziellen Schaden, wäre zu betonen, außer vielleicht einer potenziell sich steigernden, fast allergischen Gegen-Reaktion auf die Welt im Gesamten.

 

Eine graue, eine schwarze und eine rote Leinenmappe sollen, fein sortiert, im Lauf der nächsten Zeit einerseits sein gedachtes Standardwerk „Die Geschichte des Schwachsinns“ aufnehmen (noch nicht begonnen), beinhalten andererseits (rote Mappe) seine vielfachen Fallstudien als Heilpraktiker und Tierheilpraktiker und beinhalten ebenso eine nicht weitgeführte Arbeit über „Die letzten Jahre Tolstojs“ (Tagebuchschreibzwänge und andere Familienphänomene. Zudem liegt Singrams eigene Tagebuch griffbereit und harrt einer Aktualisierung. Und diese Aktualisierung den Leser dabei in teils grotesk-satirischerer Beschreibung mitten hinein nehmen in das Leben des Arthur Singram und seine vielfältigen Erfahrungen mit Menschen (allesamt Solitäre) und Tieren (ebenso).

 

Einer, dem als Heilpraktiker kein Heil beschieden war. Was vielleicht auch an den äußerst merkwürdigen Methoden lag, die Singram periodenweise für sich entdeckte. Rohkostperioden in Verbindung mit dem Verzehr roher Leber hatten nun mal einfach keinen durchschlagenden Erfolg. Die Maulschelle gegen Maulsperre zwar schon, dafür gab es dafür keine Gegenliebe.

 

Mit Tieren ging das da schon besser, auch wenn hier Überraschungen ebenfalls nicht ausblieben. Wie bei dem Graupapageienpärchen, welches Singram einander zugeführt hatte. Das dann aus Einsamkeit je sich selbst die Federn ausrupfte, in diesem Ausrupfen die Liebe füreinander entdeckte, dann aber, als die Federn wieder nachwuchsen, einander sich wieder völlig entfremdeten.

 

Wobei die Tiertherapien noch die nachvollziehbaren Erlebnisse des Arthur Singram darstellen, seine vielfachen Kontakte zu Menschen, seine Beobachtungen hier erlebt der Leser als deutlich komplexer und, zumindest für Arthur Singram selbst, als äußerst deprimierend. Sein Versuch, zum Alkoholiker zu werden und dafür hart an seiner Alkoholunverträglichkeit zu arbeiten, scheitert leider ebenso kläglich wie andere Versuche, die Welt zu ertragen.

 

Unglaublich trocken und lakonisch bietet von Kieseritzky seine Geschichte dar. Todernst widmet er sich durch seine Figur des Arthur Singram den Marotten und Merkwürdigkeiten der Welt. Vielschichtig und damit vielfach interpretierbar  erzählt er von anschmiegsamen Anakondas, Versuchen, aus Mäusemilch Heilmittel herzustellen, hypnotisierten Hündinnen und Analytiker, die in Kästen sitzen und so vielem mehr, das eine leichte Verwirrung beim Leser nicht ausbleiben wird ob der satirisch überspitzten, mit Ernst dargebrachten und im Kern durchaus treffenden Fabeln und Erläuterungen all der Merkwürdigkeiten dieser Welt.

 

Das Miteinander und das soziale Gefüge geschildert als ein Aufeinandertreffen von insulären Neurosen und Psychosen, welche von Kieseritzky verfremdet (und doch erkennbar) durch die Augen seines Haftung verlierenden Protagonisten vor Augen geführt wird.

 

Oder ist das erwähnte Papageienpärchen nicht ein gutes Bild für Beziehungsformen, die einander fremd sind, sich dann einander ganz öffnen, zueinander finden, nur um dann doch wieder das eigene „Federkleid“, den eigenen Lebenspanzer und die Drehung nur um sich selbst wieder anzulegen und damit nun „gemeinsam einsam“ zu sein?

Wobei alleine schon die Ernsthaftigkeit, mit der Arthur Singram im Buch sich und seine Marotten betrachtet, schildert und diese zum Ausgangspunkt seiner Weltsicht macht ein treffliches Bild auf den aktuellen Zustand des homo sapiens zu werfen vermag.

 

Ingomar von Kieseritzky legt einen Parforceritt durch die Abgründe menschlichen (und tierischen) Seins vor, der sich sprachlich durch die vielfach fast grotesken Schilderungen und ständigen Mehrschichtigkeiten abhebt von anderen Werken zu kritischen Themen des menschlichen Miteinanders. Sehr gewöhnungsbedürftig im Stil und sicher ein Buch, dass die Gemüter spalten wird. Aber ein Buch, in dem Tiefgang und präzise Erkenntnisse hinter all der satirischen und lakonischen Sprache warten, welche die Entdeckung durchaus lohnen.

 

M.Lehmann-Pape 2012