Knaus 2010
Knaus 2010

 

Iréne Némirovsky – Die Familie Hardelot

 

Familientraditionen

 

Pierre de Schlote hat sich an alle Traditionen gehalten. Immer. Wie es über die Generationen hinweg in seiner Familie üblich war. Etikette, Verbindungen, das Netzwerk der gesellschaftlichen Verpflichtungen aufrecht erhalten und, vor allem, die Papierfabrik der eigenen Familie durch alle Fährnisse der Zeit hinweg erhalten.

 

Alles andere war nicht wichtig. Durchaus wohlhabend, aber das Geld zusammenhaltend. Durchaus mit Möglichkeiten, aber sich selbst beschränkend im kleinen Umfeld von St. Elme in der französischen Provinz, Ein Ort. an dem die Zeit über Jahre und Jahrzehnte hinwegstrich, ohne zu großartigen Veränderungen zu führen. Aber genau das waren ja auch die Motive, immer nur der sichernden Vernunft zu folgen, bei der Auswahl der Frauen ebenso, wie bei der Erziehung der Kinder und in allen geschäftlichen und gesellschaftlichen Unternehmungen.

 

Träge sind die Mitglieder der Familie Hardelot, nicht aus dem Überfluss heraus, sondern aus erstickten Sehnsüchten, aus gesellschaftlichen Ressentiments heraus. Und glauben, dies sei der Preis für die Kontrolle über die Vorgänge des Lebens und damit für eine immer dauernde und gefestigte Sicherheit. Ein Preis, der selbst mit den eigenen Kindern keine Gnade kennt, wenn diese die gefügten Traditionen der Familiengeschichte drohen, zu durchbrechen.

 

Doch diese tief bürgerliche Welt wird zerbrechen. An den Umständen der Zeitgeschichte zwischen den beiden Weltkriegen ebenso, wie an der inneren Starre der Familienmitglieder und der über Generationen hinweg gewachsenen Unfähigkeit zur Erneuerung und Veränderung.

 

Den Niedergang des Bürgertums zu Beginn des 20. Jh. schildert Iréne Némirovsky auf gerade einmal 250 Seiten. Aber mehr noch. Die Suche und Sucht des Menschen nach Kontrolle und Sicherheit und die Unmöglichkeit, diese über das Leben wirklich zu erlangen sind die tieferen Themen ihres 1941 vollendeten und 1947 erstmals erschienenen Buchs.

 

Das Streben nach Kontrolle und Sicherheit lässt innerlich erstarren und aus der Angst heraus nur mehr agieren. Dramatische Wendung des Lebens, dass gerade aus dieser Suche nach Bewahrung des Vertrauten jene Kräfte abhanden kommen, die das Vertraute mit neuen Mitteln auch durch stürmische Zeiten des Lebens und der Zeitgeschichte bringen könnten. Und auch jene Kräfte erlahmen lassen, die in der Lage wären, aus den Verlusten neues entstehen zu lassen.

 

Der konservativen, bürgerlichen Haltung des beginnenden 20. Jh. und der verzweifelten, weil unmöglichen Tendenz des Menschen zur absoluten Bewahrung hält Iréne Némirovsky meisterhaft ihren, auch noch heute ernüchternden, Spiegel vor. Mit dem Hoffnungsschimmer der Liebe, die starre Formen zu durchbrechen vermag, auch wenn nicht immer ein Happy End winkt.

 

M.Lehmann-Pape 2011