Hoffmann & Campe 2017
Hoffmann & Campe 2017

Irene Dische – Schwarz und Weiß

 

Sprachliche eine Klasse für sich

 

Ein klassisches Drama in modernem Gewand ist es, dass Irene Dische mit diesem fulminanten Roman vorlegt. Und dass es ein Drama werden wird, das weiß der Leser schon nach den ersten Seiten. Nach denen die Geschehnisse vom Rückblick aus dann in die Gegenwart erzählt werden.

 

Wobei zunächst eine „große Liebe“ ihren Weg gegen manche Umstände finden wird, die jenes „Schwarz und Weiß“ als Gegensatz abbilden, der schon in den verschiedenen Hautfarben des liebenden Paares symbolträchtig vor Augen geführt wird. Doch nicht nur die Hautfarbe von Duke und Lili sind verschieden. Von der Herkunft über den Familiensinn, von der Kunst, das Leben vollständig anzunehmen (Duke zunächst) bis zu einer Geschichte alltäglicher Trotzreaktionen (Lili), vom Aufwachsen in der (sehr wohlsituierten) Künstlerszene mitsamt dem „Schatten“ je eines Therapeuten als „Lebensbegleitung“ (Lili) zur Herkunft aus einfachen Verhältnissen, einem dadurch gewachsenen, sehr höflichen, natürlichen Selbstbewusstseins und dennoch wenig erfahren in der Welt, auf die er nun in New York stößt (Duke), eine fast überfließenden innere Emotionalität bindet diese beiden menschlichen Pole untrennbar aneinander.

 

„Dabei handelt es sich hier nicht um Raketenwissenschaft, höchstens Physik für Anfänger. Gegensätze ziehen sich an“. Wobei zunächst einerseits gilt: „Die beiden widersetzten sich der magnetischen Anziehung, weil sie vor ihr Angst haben“.

 

Einerseits.

 

Doch schon beim Kennenlernen in Kenia, das so ganz anders abläuft, als man es allgemeinhin erwarten würde bis zur Heirat, die ebenfalls dann ganz anders vonstattengeht, als es Lili dringend gewünscht hätte, der Magnetismus funktioniert. Durch das gesamte Buch hindurch. Mit intensiven, herrlichen, blutenden, sich schmeckenden und ebenfalls schrecklichen Folgen.

Bis dahin, wo Dische mit greifbarer Freude am „Bösartigen“ den Fall der großen Liebe und beider Beteiligten beginnt, voranzutreiben und damit auch der modernen Welt nicht selten einen Spiegel vorhält.

 

Was alles Dische meisterhaft in sorgfältig gestaltete Szenen hineinschreibt und dabei jede einzelne der im Buch auftretenden Figuren (mal mit kurzen, feinen Strichen, mal in die Tiefe vordringend) bestens mit Leben versieht. Meist, indem der Leser Betrachter der Handlungsweisen der verschiedenen Charaktere wird, hier und da einen tiefen Blick gewährt bekommt (wenn Lili klar wird, wie sie wirklich im tiefsten Inneren zu ihrer Mutter steht) du im Verlauf der Lektüre kaum anders kann, als sich vollständig in diese pulsierende Lebenswelt zu begeben.

 

Wobei das anfängliche Versprechen Lili´s, für ihren Duke zur „schönsten Frau der Welt“ werden zu wollen (was sich lange Jahre wenig im Äußeren der jungen Frau abzeichnet hatte), sich mehr und mehr zu erfüllen scheint, ja nachgerade zu erfüllen droht und damit eine Reaktion in Gang setzt, die wie auf Schienen dem Drama seinen Lauf geben wird.

 

Was nicht nur in der Binnenbeziehung der beiden Liebenden seine Folgen zeitigt, sondern natürlich auch das Umfeld, die Welt der beiden mit hineinziehen wird. Hier der „naive“, starke Mann mit der besonderen Begabung, was das Verkosten von Wein angeht, dort die, intuitiv, „mit allen Wassern“ vertraute Frau, die ihren Duke zwar warnt (mit eindringlichen Verweisen auf „das Böse“ hinter den „freundlichen Fassaden“ der „Szene“), aber natürlich zunächst nicht damit zu ihm durchdringen wird.

 

Das Ganze verpackt Dische in eine überaus flüssige, legere, immer und immer wieder genau den gewünschten Punkt treffende Sprache, die es dem Leser schwermacht, das Buch aus der Hand zu legen (auch wenn nach einer gewissen Weile auch einige Längen nicht von der Hand zu weisen sind).

 

 

Aber da die Ereignisse temporeich vorangehen und „das Böse“ sich (diskret sich anschleichend) immer mehr Thema wird und Dische dies sprachlich dem Leser vor allem emotional sehr, sehr nahe zu bringen versteht, verbreitete sich eines auf keinen Fall bei der Lektüre: Langeweile“. Dafür ist schlicht und einfach kein Platz im Roman.

 

M.Lehmann-Pape 2017