btb 2012
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Irvin D. Yalom – Das Spinoza-Problem

 

Weisheit, Philosophie und Psychotherapie

 

Wie schon in seinen vorhergehenden Büchern ist auch das Spinoza-Problem durch Yalom als weit mehr gestaltet als „nur“ eine romanhafte Doppelbiographie.

 

Philosophische Erkenntnisse von Euklid bis eben Bento Spinoza vermischen sich mit zwei Lebensgeschichten, psychotherapeutischen Sitzungen, der Darstellung der philosophischen und psychotherapeutischen Ziele von der inneren Freiheit des Menschen aus (unguten) Gebundenheiten und einer grundlegenden Kritik an religiösen Ritualen und nicht hinterfragten Traditionen oder Dogmen jedweder Art.

Ein Manifest der Aufklärung, auch so könnte man dieses Buch betiteln. Eine Darstellung der tiefen Spannung im Menschen, einerseits eigenständiges Wesen zu sein und andererseits ebenso stark Teil der Gemeinschaft sein zu wollen, Teil einer Tradition, eines Mythos, eben nicht herauszufallen aus der Gemeinschaft, der man angehört.

 

Anhand der Lebens-, vor allem aber der „Denkgeschichte“, des Philosophen Bent Spinoza im 17. Jahrhundert und des „Judenhassers“ und NS-Programmatikers Alfred Rosenberg baut Yalom sprachlich hervorragend formuliert, zwei Pole in Bezug auf die innere Freiheit.

 

Hier der Freigeist Spinoza, der im klaren Denken und dem Mut zur Wahrheit Maßstäbe setzte, weil er die erkannten Wahrheiten über Rituale, Angst und autoritäre Traditionen, die nur dem Machterhalt dienen, nicht fallen lassen wollte.

„Es ist, als gäbe es nichts Übernatürliches. Sie lassen es so aussehen, als sei alles erklärbar“, sagt Franco zu Spinoza und erhält die einfache Antwort: „Das ist genau, was ich glaube“.

 

Und dort Rosenberg, der aus seiner Persönlichkeit heraus nichts mehr anstrebte, als sich zu binden. Der starre Dogmen und fanatische Behauptungen unreflektiert zu den Maximen seines Handelns machte. Und doch nur nach Liebe und Anerkennung strebt, diese aber ob seiner eigenen inneren Abwehrhaltung auf seine Weise gar nicht finden könnte.

 

Beiden gestaltet Yalom je eine (therapeutische) „Begleitperson“ mit auf den Weg. Empathisch, Reflektierend, Hinweisend und bemüht, den inneren Klärungsprozess der Hauptfiguren zu öffnen und zu begleiten. Den Psychotherapeuten Friedrich, was Alfred Rosenberg angeht, und den Freund Franco, was Spinoza betrifft.

 

Menschen, die jeweils immer wieder in anderen Formulierungen die Grundfrage für ein innerlich freies Leben dialogisch in den Raum setzen: „Wir wollen feststellen, ob Ihre Angst begründet ist“.Eine Grundfrage, die über die Seiten des Buches in das Leben des Lesers hinein reicht. Kann die Erkenntnis, die Vernunft, die Kraft des Verstandes jenen irrationalen und tiefen Ängsten begegnen, die Menschen in sich tragen?

 

Ja, sie kann. Offenkundig da, wo einer bereit ist, sich dem Prozess der Selbsterkenntnis zu stellen. Und könnte durchaus auch bewegen, wo starre Denkmuster das Leben  bestimmen. Wenn nicht Rosenberg im Buch aufzeigen würde, das der eigene Wille unabdingbare Voraussetzung zur Veränderung ist. Es ist bei der Lektüre spannend, immer weiter der Frage nachzugehen, ob gerade dieser Rosenberg diese Wendung annehmen können wird.

 

Ganz hervorragend gelingt es Yalom auf jeder Seite, seine Grundfragen in das Buch einzubinden. Die wechselseitige Beeinflussung und Entwicklung in einem „freien Verhältnis“ zwischen Franco und Spinoza, die nur Anerkennung suchende und festgefahrene Beziehung von Rosenberg zu seinem Therapeuten Friedrich.

 

Literarisch hochwertig führt Yalom dies Spannung zwischen Individualität, Freiheit und, damit einhergehend, auch Relativität und Unsicherheit als Gegenüber zum „Dazugehören“ aus, zur, nur vermeintlichen, dogmatischen Sicherheit. Und lässt zu keinem Zeitpunkt des Buches den Leser darüber im Unklaren, dass es schlichtweg dem Menschen zwar möglich, aber letztlich ein nicht wirklich gangbarer Weg ist, die Kraft des eigenen Dankens und der erkennbaren Wahrheiten an eine Religion oder eine andere Form des „Glaubens“ (wie den Rassenwahn) zu delegieren. Ein Weg, der in Destruktion und Unfreiheit endet.

 

Das Buch ist im Stil wunderbar zu lesen und ebenso tief lehrreich, wie es zur eigenen Reflektion fast schon zwangsläufig hinführt.

 

M.Lehmann-Pape 2012