Heyne 2013
Heyne 2013

Irvine Welsh – Skagboys

 

 

 

Vorgeschichte und doch auch weiter erzählt

 

 

 

Als wären nicht Jahre vergangen seit „Trainspotting“ liest sich dieses neue Werk, die Vorgeschichte, aber auch Geschichte paralleler Entwicklung und ein stückweit doch auch Fortsetzung des damaligen Bestsellers.

 

 Wieder erstehen die 80er Jahre in England vor den Augen des Lesers auf. Thatcherismus, sozialer Umbau (eher Raubbau) und, vor allem, immer stärker sinkende Aussichten für die junge Generation. Falls diese überhaupt was jene Figuren, die im Buch im Mittelpunkt stehen, angeht, Aussichten sucht.

 

 Dreckig ist es da in England, im übertragenen Sinne auf jeden Fall. Orientierungslos und doch cool. Hart und doch suchend. Nur eben auf eine schon in „Trainspotting“ ohne Tabus in Sprache und Darstellung vorgelegte Art und Weise.

 

 Zwar sind die „Helden des Abgesangs“ zu Beginn des Buches noch nicht ganz auf der Ebene des absoluten Kicks, der Sucht, des Abhängens, des „Trainspotting“, doch der Weg ist vorgezeichnet, erkennbar und wird Schritt für Schritt mit morbider Lust gegangen. „Bürgerliche“ Welten wie ein Studium oder Ausbildungen werden verlassen, gar nicht erst angetreten, was soll´s.

 

 Sex, Drogen, Sprüche, ein allgemeines „Scheiß-drauf“, kaum jemand vermag dies in solch vielerlei Varianten und Perspektiven schonungslos zu beschreiben wie Welsh.

 

 Danny („Spud“), Mark („Rent Boy“), Simon („Sick“) und die anderen „Herumlungerer“, die schon vor 20 Jahren wie „abgesoffen“ durch das Leben taumelten nimmt sich Welsh noch einmal vor und zeigt aus mittels vielfacher Perspektivwechsel das Abgleiten nicht nur einzelner Personen, sondern einer ganzen Gesellschaft in jenen Jahren in bestens getroffener Atmosphäre im Buch.

 

 „Das Problem mit dieser Wohnung ist nämlich, dass sie direkt neben der Müllrutsche liegt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit poltern Flaschen, Dosen, Gläser und anderer Hausrat in dem beschissenen Müllschacht nach unten“.

 

 Nur eines der vielen Bilder, in denen Welsh das allgemein Lebensmoment dieser Zeit einfängt und nicht nur den Lärm in einer konkreten Wohnung.

 

 Was Wunder, dass Schritt für Schritt die kleinen und großen „Fluchten des Alltages“ beginnen, eine Rolle zu spielen, bis der größte Teil der Jungs an der Nadel hängen wird. Und doch dies nicht nur aus innerer Haltlosigkeit, sondern auch aus äußerer Perspektivlosigkeit geschehen wird. Was der ein oder andere, vor allem Mark, durchaus mit klarem Blick sehen, wissen wird und dann doch lieber den Kopf im Drogenrausch nach hinten sinken lässt, so ernüchternd ist der Anblick und der Ausblick auf die „reale“ Welt. Denn überwiegend sieht er nichts, was ihm als bessere Alternative geboten werden könnte. Er schießt sich lieber heraus aus diesem Trauerspiel der Realität.

 

 Da hilft auch der Anblick der „Puppen“ im Amsterdamer Rotlichtviertel nicht. Und man ist ja sowieso  aus anderen Gründen vor Ort.

 

 In der Sprache ist auch dieser Roman von Welsh nicht einfach zu fassen, trifft aber das Gefühl der Zeit und der Personen auf den Punkt.

 

Dialoge, Sprüche, hier und da wie nur in Stichworten dahineilende Passagen in Verbindung mit wirklich hartem Stoff, wenn man lesen muss, was man da alles auf Müllkippen finden kann.

 

Und sich ebenso gewahr ist, dass der Tod ein reger Begleiter dieser Szene Mitte der 80er Jahre (nicht nur) in England war. Aber irgendwelche Gedanken an „Morgen“, das dann doch nicht. Lieber drauflos, was soll´s, so treiben die Protagonisten des Romans irgendwohin.

 

 Ein überzeugender Roman mit treffender Umgangssprache, dreckig im Gefühl und der abgehärteten Sprache samt der ebenso harten Welt der „Skagboys“. Wobei durchaus irgendwann auch die Idee, der Zwang, irgendwas im Raume steht, um dem zu entkommen. Wenn das alles nicht so tief eingebrannt im Inneren wäre.

 

M. Lehmann-Pape 2013