Arche 2011
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Jürg Amman – Letzte Lieben

 

Die Liebe sucht sich ihren Ort

 

Nicht erst seit seinem letzten Buch „Der Kommandant“ ist deutlich, dass Jürg Amman ein großer „Beschreiber“ ist. Einer, der sich sprachlich ganz in den Dienst einer Sache zu stellen versteht und dabei seine Sprache auf das Wesentliche, das genau beschreibende, virtuos zu reduzieren weiß.

 

So benötigt Amman auch in diesem eher schmalen Band gar nicht viele Worte oder ellenlange Erläuterungen, um in den 10 dargebotenen, kleinen Geschichten immer präzise den Punkt zu treffen, den Leser tief mit hinein zu nehmen in das Thema der Liebe, dass Amman in diesem Buch in den Mittelpunkt der beschreibenden Betrachtung setzt.

 

„Die Frau am Pier“ bietet im Buch ein wunderbares Beispiel für die „beschreibende Kunst“. Nicht in poetischer Weise nähert sich Amman seinem Thema und seinen Figuren, sondern genau beobachtend, alles mit einbeziehend, was zur Person in der konkreten Situation gehört. So erfährt der Leser in wenigen Sätzen viel von der Persönlichkeit jenes Mannes, der immer auf der gleichen Bank zu sitzen pflegt, wenn er den Weg aus der Stadt heraus einmal genommen hat. Einer, der weder bedauernd noch begeistert lapidar feststellt, dass „die Leute keine Zeit haben oder sich nehmen“, denn nie muss er lange warten, bis „seine „Bank frei wird, sollte sie einmal besetzt sein. R nun hat Zeit. Und beobachtet die Frau, die stracks bis an Ende des Piers mit sicherem Schritt geht. Steht da etwas an? Will sie sich etwas antun? Das wäre nicht schön, denn dann müsst er sie ja retten, statt seine kernlose Klementine in Ruhe weiter zu schälen. Und so startet er einen inneren Monolog, schweift ab, erzählt sich von andren Begebenheiten , kehrt doch wieder zur Frau am Steg zurück. Und plötzlich ist sie verschwunden, sie, um die sich für einen Moment viele seiner Gedanken drehten, in denen Liebe vorkam. Nur nicht so direkt, nicht so, dass er sich nun bewegen würde oder könnte.

 

Unscheinbar im Äußeren verweist Amman auf die Liebe. Die jederzeit, an jedem Ort, unter allen möglichen Umständen kommen kann. Verbleibt (oder auch nicht). Die letzte Betrachtung im Buch, „Letzte Liebe“, fasst dies noch einmal in sich zusammen. In der Erinnerung des Mannes an seine verflossenen Lieben, an ihr kommen und gehen, die Zufälle des Lebens, die sich auch nicht durch den „Gang zur Kirche mit der Liebe“ kontrollieren oder festzurren lassen. Oder auch doch, wenn die fünfte und sechste Liebe zusammenfallen und 20 Jahre überstehen, als die fünfte Liebe gar ein Kind mitbrachte und bis heute verbleibt. Und er somit im Gespräch mit der gerade kennengelernten jungen Frau weiß, er könnte dort durchaus noch lieben, aber nicht an seinem Ort im Leben, der bereits die Liebe in allen Facetten auch schmerzlich erlebt hat.

 

Auf den Punkt gebracht in literarischer Dichte und ganz klarer, durchaus reduzierter, auf den Punkt gebrachter Sprache bietet Jürg Amman ein nachdenklich stimmendes, das wahre Leben in sich tragende Kaleidoskop der Liebe in ihren vielen Facetten. Ein Buch, dass in Erinnerung bleibt und auch für das eigene leben die Sicht auf die Liebe noch einmal zurechtzurücken versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011