Heyne 2010
Heyne 2010

Jürgen Domian – Der Gedankenleser

 

Blitzschlag mit Folgen

 

Von einer Sekunde zur anderen änder sich das Leben von Arne Stahl. Gut situiert, in der Mitte des Lebens angekommen, Haus und Frau vorhanden und dann bei einem Gewitter auf offenem Feld von einem Blitz getroffen.

 

Als er im Krankenhaus erwacht, stellt er fest, das nun nichts mehr so bleiben wird, wie es war, denn er hat von einer Sekunde zur anderen die Fähigkeit entwickelt, die Gedanken seiner Mitmenschen hören, lesen zu können.

 

Was sich wie der Anfang einer fantastischen Geschichte anhört, die nach Hollywoodmanier nun entweder in eine Aneinanderreihung von Situationskomik ausufern könnte oder, wahlweise, in Thriller Manier den einsamen, von Geheimdiensten gejagten Arne zeigen könnte, entwickelt sich in einem treffsicheren und sprachlich hervorragenden Stil aus Jürgen Domians Hand zu einem Drama, das seinesgleichen sucht.

 

Sicher, jeder hat einmal mit der Fantasie gespielt, die anderen wie ein offenes Buch vor sich liegen zu haben. Doch dann müsste man sich wohl auch der Realität stellen, die Jürgen Domian beschreibt. Als genauer Beobachter der Menschen setzt er nicht nur seine Hauptfigur Arne in differenzierter sich stetig entwickelnder Form in den Mittelpunkt des Romans, sondern eröffnet ebenso treffsicher den Blick auf das, was wohl zu hören wäre, wenn man die Gedanken der bekannten und fremden Mitmenschen hören könnte.

 

Seine Frau steht im letztlich fremd gegenüber, hat ihn nie geliebt oder begehrt, Freunde entpuppen sich als Irrtum, Kollegen können nun nicht mehr durch lächelnde Gesichter über ihre abschätzige Haltung Arne gegenüber hinweg täuschen und was er sonst noch zu Hören bekommt in den Köpfen auch wildfremder Passanten, ist letztlich nur erschreckend. Nicht nur für Arne, auch für den Leser. Denn Jürgen Domian legt Abgründe offen, die man durchaus in dieser Form als realitätsnah zugeben muss, aber selbst doch lieber nie sich auszumalen wagte.

 

"Ist unser Gehirn konzipiert für die reine Wahrheit?" ist die Leitfrage des Romans, die Domian seinem Protagonisten Arne in den Mund legt. An der Seite Arnes macht er sich auf den Weg, die Antwort zu suchen. Arne trennt sich von seinem gewohnten Leben, auch von seiner Frau und macht sich auf die Suche. Nach dem, was wert wäre und Sinn macht. Doch seine Neugier beginnt, zu erlahmen durch all die Enttäuschungen, die sich hinter den Masken der Menschen verbergen. Masken, die wenig Spannendes, Attraktives verbergen, in Vielzahl demgegenüber Primitivität, Hochmut, Dummheit. Und dennoch findet Arne Begleiter, denen er sich eng verbunden fühlt. Aber auch das wieder auf ganz anderen Wegen und in ganz anderen Personen, als er es vermutet hätte.

 

Jürgen Domian schreibt in flüssigem, gut lesbarem Stil mit hohem Sprachschatz und dichter Atmosphäre einen Roman, der in sich logisch aufgebaut ist und mit Arne Stahl einen nahe kommenden Protagonisten hat. Und das zu einem Thema, mit einer Grundidee, die fasziniert und Seite für Seite mehr erschreckt. Fas taufatmend nimmt man das Ende des Buches zur Kenntnis, aber das, was auf dem Weg dahin geschehen ist, verbleibt und lässt sich nicht so einfach abschütteln. Der Blick auf "die anderen" bekommt dank Jürgen Domian eine andere Qualität, nicht immer zum besseren, oft mit einer Desillusionierung aber Anleitend zu einem nun genaueren Hinschauen.

Beste Lektüre. 

 

M.Lehmann-Pape 2010