cbj 2014
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Jürgen Seidel – Der Krieg und das Mädchen

 

Die Veränderung der Lebensatmosphäre

 

Sommer 1914.

Fünf Tage Sommerfrische der Oberstufenklasse des Jungengymnasiums am Müggelsee vor den Ferien. Aufgeheizte Atmosphäre der Vorkriegswochen und beschauliche Idylle.

 

Fritz Wanlo und zwei seiner Freunde, Rasmus Bloemacher und Wieland Hassel,  haben mit Mila, einem ernsthaften jungen Mädchen, die „Somnanbulen“ gegründet.

 

Treffpunkt ist das „Cafe im Westen“ (intern auch „Cafe Größenwahn“ genannt). Eine kleine Gruppe literarisch interessierter. Aber das Wichtigste ist „Freiheit“. Im Leben und im Denken. Freiheit auch in den internationalen Verbindungen. Der Traum wäre es, in Paris zu studieren.

Auch Mila reist zum Müggelsee für ein Zusammensein, vor allem mit Fritz, dem sie verliebt verbunden ist. In einer Zeit der strikten, gesellschaftlich-moralischen Rahmung, die solche Gefühle sich immer nur zart andeuten lässt.

 

Das ist die eine Seite der „guten alten Zeit“, wo doch „nichts mehr passieren kann“, die Welt ein „zivilisierter Ort“ geworden ist.

 

Aber da ist auch Janota, schärfster Lehrer des Gymnasiums, der die Welt in jene unterteilt, die Kommandos geben und in die Millionen anderer, die als „Rädchen“ zu funktionieren haben.

Eine Weltsicht, die manch Schüler durchaus teilen und umsetzen.

 Und da ist das aufgeheizte Klima, in dem die kleinen Steppkes auf den Straßen mit Besenstielen Soldat spielen.

 

Eine Gemengelage zwischen Alltag, Gewohnheit und beginnender, massiver Veränderung, die vor allem Mila am eigenen Leib leidvoll spüren wird.

 

Nicht nur, dass ihre junge Liebe zu Fritz und ihr Traum, einen „Männerberuf“ zu ergreifen, stark unter Druck geraten. Zudem war ihr Vater Franzose, was ihre nunmehr alleinerziehende Mutter stark zu spüren bekommt, als Janota stirbt und seine Witwe voller Hass mit dem Finger auf Mila und ihre Mutter zeigt.

 

Während Fritz mit ganz anderen, inneren, „biologischen“ Veränderungen zu kämpfen hat, mit einer „Krankheit“, wie er es nennt. Er meldet sich schnell zum Kriegsdienst, denn nur an einer Front, meint er, könne diese „Krankheit“ ausgemerzt werden.

Eine ganze Welt, die so heil schien, die sich in literarischen Träumen und jungen Lieben vermeintlich bewegte, gerät so aus den Fugen. Vor lamme und zunächst innerlich.

 

Das ist die große Stärke Seidels, dieses innere „Wegkippen“ präzise und genau zu erfassen und zu beschreiben, die Entwicklung seiner Figuren angesichts des „Schicksals“, dem gegenüber diese ohnmächtig ausgeliefert scheinen, abzubilden.

 

Ihn einer Sprache und einem Stil, der doch sehr an die Roman jener Zeit erinnert, in der Seidel diese Geschichte ansiedelt. Nicht ohne Grund erwähnt er im Buch Fontanes „Effie Briest“. Eine Sprache, die dennoch nicht „altbacken“ wirkt, aber doch in ihrer Weise die Atmosphäre dieses Sommers 1914 nicht nur im Erzählten, sondern auch in der Form auszudrücken versteht.

 

Ein wenig zu ruhig, zu innerlich allerdings ist dieses Buch im Gesamten dann doch, auch in der Bedrängung Milas durch den Tod des Lehrers taucht nur mäßige Spannung auf und die weitverzweigten, teils marternden Selbstreflektionen der jungen Menschen ziehen sich doch das ein oder andere mal sehr breit im Buch dahin.

 

 

Alles in allem aber eine gelungene Darstellung der „Zeitenwende“ 1914, die sich ja vor allem in den Menschen vollzog, im Aufeinandertreffen von „Internationalisten“ und „Weltvereinern“ mit jenen, denen „Ehre“ und „das Reich“ über alles geht und die im Waffengang den heiligen Ort männlicher Bewährung wähnen, an dem das „Wesen des Mannes“ gesundet.

 

M.Lehmann-Pape 2014