Berlinverlag 2017
Berlinverlag 2017

James Salter – Charisma

 

Sammelband der Erzählungen

 

Da ist diese Frau, unheilbar an Krebs erkrankt. Die beschlossen hat, ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. In dieser Nacht. Begleitet in aktiver Rolle durch ihren Mann.

 

„Du weißt doch. Ich habe niemanden auf dieser Welt mehr geliebt als Dich“.

 

Sagt sie mit Inbrunst, als ihr Mann mit der Spritze das Zimmer betritt.

 

Beide wollten bei diesem Schritt nicht alleine sein und haben eine 29jährige, junge Bekannte hinzugebeten, das gemeinsame Essen, den Wein zu genießen und, danach, ihrem Mann Beistand zu leisten.


Was sich anders darstellt, als man meinen sollte. Sowohl, was den Beistand angeht, als auch was das Gelingen des Suizids betrifft.

 

Und all das lässt diese kleine, zu Herzen gehende, dann wieder erschreckende Geschichte so lakonisch ausgehen, wie Salter es oft zu gestalten versteht. Das Leben ist nicht voller Geheimnisse, sondern eher voller Brüche, nicht immer voller Aufregung, sondern oft auch nur dahingleitend.

 

Das Konkrete, das, worum es geht, das, was man gerne gestalten würde, das entzieht sich oft der Kontrolle, das passiert einfach, lagert am äußersten Rand des Blickfeldes und ist nicht immer zu greifen oder zu finden.

 

Wie ein Symbol steht da das Grab eines charismatischen Mannes, der einer Frau für alle Zeiten das Herz stiehlt und sie zu Dingen bewegt, die sie nie bei klarem Verstand zugestanden hätte (die Peitsche im Schlafzimmer). Und auch wenn sie sich äußerlich zu lösen verstehen wird, innerlich bleit das Band, die Verbindung. Zu einem, der sich in jeder Lebenslage (und darüber hinaus) zu entziehen versteht. Was vielleicht jenes „Charisma“ der titelgebenden Geschichte im Buch ausmacht.

 

Alle Erzählungen Salters von 1968 an bis weit in die 2000er Jahre hinein sind in diesem Buch sorgsam übersetzt versammelt und bilden einen breiten Reigen an Themen und einen hervorragenden Einblick in den Stil und die Denkweise des Autors.

 

Was ergänzt wird durch, am Ende, drei abgedruckte Vorlesungen Salters, bei denen er durchaus auch privat ins Plaudern gerät und über die Literatur, sein elementares Verständnis von Sprache und so manche enge Bekanntschaft mit anderen bekannten Autoren zudem noch Auskunft gibt.

 

Wobei der eigentliche Gewinn der Lektüre jener ist, nach jeder der Geschichten eine Menge Anstöße zur Nachdenklichkeit zu erhalten. „Einfach so“ schüttelt man diese lakonische, dennoch liebevolle Betrachtung des Lebens nicht an und lässt die Figuren, die im sanften Fluss und teils im Wirbel des Lebens stehen nicht einfach an sich abgleiten.

 

 

Wozu, vor allem, der scharfsinnige und dennoch in keiner Weise bemüht wirkende Stil Salters das Meiste beiträgt.

 

M.Lehmann-Pape 2017