Piper 2011
Piper 2011

Jan Arnald – Der weisse Roman

 

Damals und heute gehören zusammen

 

Als Autor hochwertiger Kriminalromane besitzt Jan Arnald unter dem Pseudonym „Arne Dahl“ durchaus bereits einen gefestigten Ruf. Aber auch Romane mit hoher, literarischer Qualität schreibt und veröffentlicht der Autor. Wobei, wie an diesem Buch zu sehen, die Grenzen doch ein Stück verwischen. Denn durchaus mit Thrillerelementen weiß auch „Der weisse Roman“ aufzuwarten (und geht doch deutlich darüber hinaus).

 

1987 in Australien war es, als sich Mirra und Ferry zum ersten Mal begegneten. Intensiv begegneten. Doch die genauen Erinnerungen an diese Begegnung sind bei Mirra wie ausgelöscht. Auch wenn sie es nicht genau zu fassen vermag, etwas Bedrängendes, Schlimmes, vielleicht gar Furchtbares muss damals passiert sein. Nicht nur die fehlenden Erinnerungen, auch, dass aus der leidenschaftlichen Begegnung nicht wirklich etwas geworden ist spricht für ein dunkles Vorkommnis zu jener Zeit.

 

Vielleicht hätte sie die eben nicht wirklich vorhandene Erinnerung gar nicht erst wieder eingeholt, wenn nun, 20 Jahre später, das Leben beide nicht doch wieder auf Umwegen zusammen führen würde.

 

Beide inzwischen verheiratet unter ganz verschiedenen Voraussetzungen und doch in ihrer Enttäuschung und Unlust über das Leben, das sie führen, vereint. Ein weiteres Puzzlestück im Blick auf beider Geschichte, wie sich beide in der Partnerwahl eben dann nicht der Leidenschaft füreinander, sondern dem Nichtssagenden hingeben konnten.

 

Mirra verschweigt ihrem Mann, dass sie keine Kinder bekommen kann, während er seit Jahr und Tag alles in Bewegung setzt, damit dies doch noch geschieht. Ferry hat vier Kinder, ist durchaus erfolgreich im Leben und doch innerlich leer. Wie leer dieser beider Leben im Privaten allein schon ist, deutet Jan Arnald lapidar bereits durch die gleiche Namensgebung der Ehepartner der beiden an. Was heißt Namensgebung? Einfach „R.“ werden der Mann von Mirra und die Frau von Ferry genannt und besitzen auch ansonsten kaum aktuelle Bedeutung im Leben der Beiden. Aber miteinander, da verbindet etwas, füreinander, da pocht etwas. Deutlich zu spüren, als sich beide im Internet zufällig wieder begegnen und dabei auch jener Tag vor 20 Jahren wieder in den Raum tritt.

 

Dies aber ist nur eine der vielen Perspektiven, die Jan Arnald im Buch zu Wort kommen lässt. Wie unverbunden zunächst erzählt Arnald zudem von Joseph Haydn und der Entstehung von sieben Sonaten. Die einzige Verbindung zunächst scheint darin zu bestehen, dass Mirra vor Zeiten Haydn auf der Geige spielte. Was aber nun die Phönizier, jenes geheimnisvolle, Volk der Zeit vor dem römischen Reich mit all dem zu tun haben, das erschließt sich erst langsam im Buch. Genauso, wie sich die Erinnerungen Mirras an jenen traumatischen Tag am Strand Australiens erst langsam wieder einstellen.

 

Das mit Ferry das ein oder andere nicht stimmt, dass er schon in jungen Jahren „das Verbotenste“ getan hat, dies wird demgegenüber schon früh im Buch deutlich. Was aber genau sein Geheimnis ist, wie das mit dem Planeten Theia und der Entstehung  des Planetensystems zusammenhängt oder mit den Kapitänen Baudin auf französischer und Kapitän Flinders auf englischer Seite im napoleonischen Zeitalter, das ist durchaus eine Entdeckungsreise im Buch wert.

 

Einfach zugänglich ist der Roman beileibe nicht, die vielen Exkursionen an vermeintlich völlig der Handlung fernstehende Orte, Zeiten und Personen verwirren zunächst und werden doch aufgefangen und eingebunden im roten Faden der Geschichte zwischen Mirra und Ferry, die sich lange nicht persönlich treffen in der Geschichte. Werden sie überhaupt noch einmal real (und nicht nur virtuell) aufeinandertreffen und das Geheimnis ihrer Beziehung und Geschichte lüften? Und zudem die vielen losen Fäden des Buches zusammenführen?

 

Soviel sei gesagt, dass das im Buch wichtige Werk Haydns zur Kreuzigung Jesu im Buch an einem Karfreitag seinen Sinn für die Geschichte schon offenbaren wird.

 

Dicht und intensiv geschrieben, spannend wie ein Thriller in manchen Teilen, verwirrend und zunächst unverbunden in anderen Teilen und Einschüben, bietet das Buch ein ineinander verflochtenes Leseerlebnis einer modernen, belasteten Liebesgeschichte und „des ganzen Restes der Dinge“, das des Lesens durchaus wert ist und vom Ende her als stimmig und logisch konzipiert sich darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2011