Heyne 2012
Heyne 2012

Jan Guillou – Die Brückenbauer

 

Begabung, Karriere und Liebe

 

„Worte des Trostes fand der Pastor keine. Was hätte er auch sagen sollen?“.

 

Die Menschen an der Küste in der Nähe von Bergen am Ende des 19. Jahrhunderts leben mit den Risiken und Gefahren des Meeres. Gefahren, denen nun auch der Vater und der Onkel von Lauritz, Oskar und Sverre zum Opfer gefallen waren. Tode, die weitreichende Folgen für die Brüder haben, denn nun gilt es, irgendwo den Lebensunterhalt zu verdienen, irgendwie sich selber durch das Leben zu schlagen.

 

Glück haben die drei schon, das sich überhaupt eine Möglichkeit zunächst bietet, eine Ausbildung in der Stadt möglich ist. Doch noch viel mehr Möglichkeiten werden sich eröffnen in dieser Zeit der beginnenden technischen Möglichkeiten, des Fortschritts, des industriellen Aufbaus. Vor allem, wenn es um solch technisch begabte Menschen geht, wie es alle drei Brüder sind und diese Begabungen entdeckt und gefördert werden.

 

Ein Gönner findet sich, eine hervorragende Ausbildung werden die drei absolvieren um dann sich dem Mammutprojekt Norwegens zur Verfügung zu stellen, dem Bau einer Eisenbahnlinie als Hauptverkehrsader das damaligen Norwegens. Begabung und Ausbildung sind reichlich vorhanden, doch das menschlich-allzumenschliche Gefühl der Liebe droht, dem allen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Stehen die Brüder vor der Entscheidung, entweder ihren Begabungen zu folgen (und damit auch die Kosten der Ausbildungen zurück zu zahlen) oder sich der Liebe hinzugeben oder wird sich all dies vereinen und untereinander klären lassen? Und das je an ihren eigenen Orten, an die es sie im Lauf der Zeit verschlagen wird? Geglückte Liebe in anderer Form (Sverre), enttäuschte Liebe (Oscar) und die „Liebe zum Projekt“ (Lauritz), werden den weitern Weg der Brüder entscheidend beeinflussen.

 

Vornehmlich skizziert Guillou auf dem weitaus größten Teil der in epischer Breite vorliegenden gut 780 Seiten im Folgenden den Lebensweg der Brüder Lauritz und Oskar, Sverre spielt nach dem einführenden Kapiteln des Buches keine weiter zu erwähnende Rolle mehr, nachdem er seine Liebe gefunden hat und sich für diese entscheidet.

Anhand der wechselnden Perspektiven zwischen den beiden Ingenieursbrüdern aber gelingt Guillou nicht nur die breite und tiefe Darstellung zweier exemplarischer Persönlichkeiten der Zeit, sondern auch ein breiter Blick auf die Atmosphäre jener Jahre, auf den Aufbruch, die technischen Wagnisse, Herausforderungen, auf die Riesenschritte des technischen Fortschritts, die zu jener Zeit allüberall vollzogen wurden. Und dies setzt er überzeugend, gerade in der Geschichte, die um Oscar kreist, in Vernehmen mit den tradierten Lebensformen vor allem in Afrika, mit Traditionen, mit den dunklen Seiten jener Modernisierung auch, mit den politischen Machtspielen jener Zeit.

 

Aus der Perspektive des Lauritz heraus wendet sich Guillou demgegenüber der eher technischen Seite zu, den Herausforderungen, des Kampfes um den Fortschritt. Bildreich und packend gelingt es Guillou, den Leser mit hinein zu nehmen in den Arbeit und den Kampf der Pioniere der Modernisierung und Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Ein Bild der Zeit, der technischen Herausforderungen, der Reibungen zwischen „alter“ Lebensweise und dem „Fortschritt“, all dies legt Guillou überzeugend als Geschichte in epischer Breite vor.

 

M.Lehmann-Pape 2012