Andiamo 2015
Andiamo 2015

Jan Turovski – Der lange Arm

 

Mit Sogwirkung

 

Es ist nicht nur das, was Dr. Warren Peach im Buch tut, was jene, die hilfesuchend zu ihm gelangen, in einen Sog hineinnimmt, es ist auch die dichte, präzise gesetzte Sprache und die langsame, aber stetige, ununterbrochene Darstellung der Auswirkungen dieses Handelns (und der anderen Dinge seines Lebens) auf die Person und das Leben des Warren Peach, welche den Leser nach einer kleinen Zeit des Einlesens in das Buch kaum mehr loslässt.

 

Das hat, natürlich, zum einen mit dem gesetzten Thema zu tun. Hypnosetherapie. Mit der man, wie Peach zu dozieren pflegt, dem Menschen nichts „einprägen“ kann, was gegen seinen Willen verstößt (vor allem natürlich keinen Mord, wo kämen wir dahin). Wohl aber das ein oder andere an „Vergangenheit“ doch ein stückweit umschreiben könnte.

 

Denn „Vergangenheit“, das ist für Peach kein „feststehender Ort“, auch diese ist biegsam, variierbar, veränderbar.

 

Und Peach ist eine wahre Größe seines Faches. Was vielleicht nicht jeder seiner Patienten weiß. Was er selbst hinter einer behäbigen, ruhigen, stetigen, fast langweiligen Fassade seines alltäglichen Lebens verbirgt.

 

Aber nicht umsonst sind es Größen der Mafia, die ihn in seinem neuen Leben aufspüren, seine Frau entführen, um ihn damit zu zwingen, einen Mann zu „bearbeiten“, der bestimmte Informationen einfach nicht preisgeben möchte. Und Peach kann das. Er ist der Beste. Und macht das. Und noch viel mehr. Was mit seiner Frau, deren Schwester, einem autistischen Kind, dessen Begleiterin, einem Medikament und einem Teddy zu tun haben wird.

 

Diese Zusammenhänge aber sollte der Leser sich dann selber erschließen im Rahmen dieser hervorragenden Lektüre.

 

Wie Turovksi jederzeit souverän die Fäden, auch die im Hintergrund länger noch verborgenen Fäden der Geschichte zusammenhält und am rechten Ort dann zusammenführt und offenbart, wie er, vor allem, diesen Peach minutiös und präzise in seiner Tiefe und seiner Tiefenwirkung schildert, wie im Verlauf des Romans jene Suggestion, jene „Arbeit mit dem Verstand“ unter manchmal auch Biegung der Vergangenheit ihn selbst befällt (bis zum unausweichlichen, eigentlichen klaren und dennoch leicht überraschenden Ende). Wie plötzlich die kleinen Fehler seiner Behandlungen ihn überraschend einholen, das ist sehr unterhaltsam, in Teilen spannend wie ein Thriller, in anderen Teilen wunderbar anregend allein schon durch die versierte Sprache Tuorovskis zu lesen.

 

Wie ein Bild auch steht dieses „kleine“ Geschichte in der „großen“ Welt. In einer Welt der „großen Fassaden“, so wie auch Peach hart daran arbeitet, arbeiten muss, eine Fassade zu beschwören, Menschen „nicht zur Besinnung“ kommen zu lassen.

 

Vielleicht wäre es ja doch eher „ein Glück“ gewesen, wenn Peach das, was er als nicht so spannend und mitreißend an Leben empfunden hat, eher bewahrt hätte, als den Versuch zu unternehmen, unter anderem eine Art „Latin Lover“ geben zu müssen, nur um eine Fassade eines Lebens bauen, nur um „Botschaften“ zu verankern.

 

Vieldeutig, sprachlich hervorragend, mit Personen, die jede ein echtes Eigenleben besitzen und einem Verlauf der Geschichte, die den Leser durchgehend fesselt. Teils bösartig von Rache getrieben, teils hilflos dem Leben ausgesetzt, teils hintertriebener als man vorher denkt, so handeln die Personen im Buch und so stellt sich die Geschichte dar.

 

Den einzigen Kritikpunkt bildet die unübersichtliche Kennzeichnung der Anmerkungen, die als einfache Sterne im Text gesetzt sind und der Leser dann selbst sehen muss, wie er im Anhang des Buches die Seitenzahl findet, um dann die entsprechende Information zu erhalten.

 

Dies aber fügt dem Lesevergnügen in Gänze keinen Schaden zu.

 

Eine sehr empfehlenswerte, im Thema originelle Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015