andiamo 2013
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Jan Turovski – Der Rücken des Vaters

 

Beschwertes Leben in düsterer Umgebung

 

Drei Leben sind es, die Paul Leduc in diesem Roman „durchleidet“.

 

Zum einen die Gegenwart. Die er sich als junger Mensch sicher anders vorgestellt hätte. Er scheint sich nun gefügt zu haben, in die Fußstapfen seines Vaters getreten zu sein. Nicht, was das Berufliche angeht (was sich an sich bereits erledigt hat), sondern was die Abläufe angeht. Er, der sich als Kind und Jugendlicher nie hätte vorstellen können, jeden Tag gleich zu verbringen. Im überschaubaren, von der Atmosphäre, die Turovski ihm verleiht düsteren, kleinen Ort in Belgien.

 

Die gleiche Kneipe wie sein Vater. Auch er Teil eines immer gleichen Stammtisches. Im Elternhaus seiner Frau lebt er, die sich schon lange von ihm getrennt hat, eigentlich schon in der Ehe.

 

„Mit Dir möchte ich auch nicht verheiratet sein“, so Henriette des Loos geflügelter Satz.

 

Hass rumort in Leduc. In gedämpfter Form. Denn „ungedämpft“ war er bis dato ja nie. Hass, der auf tiefen Verletzungen beruht, gegen die er sich zu Zeiten nicht zu wehren musste. Da kommt Paul auf seine Mutter.

 

Was am zweiten und dritten Strang seines Lebens liegen mag. Der übermächtigen Figur des Vaters und die verdeckten, aber dennoch schwierigen Verhältnisse zwischen Vater und Mutter zum einen und, später, die harsche Härte seines Schwiegervaters, in dessen Brauerei Paul dann arbeitete. Ohne Aussicht darauf, irgendeine Leiter „höher zu steigen“. Auch wenn er später die Liegenschaften der Familie hausmeisterlich verwaltet.

 

Auf Augenhöhe stand Paul niemals. Weder in Bezug auf seinen Vater, noch später im Blick auf Ehefrau und Schwiegervater. Aber da will es in ihm hin, keine Frage, das ist von Beginn der Lektüre an zu spielen.

 

„Enkelmacher“, das war der ihm zugewiesene Job. Und ansonsten nicht auffallen. Und, wie von Kindheit an, hat er dann auch im erwachsenen Leben damit zu leben, dass seine Frau überaus lockere Sitten in Bezug auf mögliche andere „Lust-Partner“ pflegt.

 

Eine männliche „graue Maus“, so kommt es einem vor. Doch das wird nicht so bleiben.

 

Da sind die Kellerräume, die von Paul schalldicht ausgebaut wurden.

Da ist die Gegensprechanlage, die für eine Weile lang „sein bester Freund“ werden wird.

Da ist seine Frau, die plötzlich einfach im Haus steht und ihm kühl „Veränderungen“ mitteilt, die sein Leben zumindest finanziell belasten werden.

Und da ist der Bunker an der Küste, den Paul entdeckt hat und für einen guten Unterschlupf hält. Übergangsweise.

 

Und plötzlich ist Henriette im Keller. Eingesperrt. Ihm und seiner Gegensprechanlage ausgeliefert. Während Paul spürt, hitzig, genußvoll, beängstigend, wie der perfekte äußere Rahmen, der ihm über sei ganzes bisheriges Leben geholfen hat, die inneren Dämonen in einer versteckten Ecke zu belassen, brüchig wird.

 

Erotische Begierden tauchen auf und scheren sich kaum um unpassende Orte, Objekte oder unbedachte Worte. Seine langjährigen Bekannten zeigen sich mehr und mehr irritiert vom Verlust der Contenance des als so ruhig bekannten Mannes. Und wer ist dieser Fremde in der Stadt, dem Paul nun ständig begegnet und der gar seinen Namen kennt?

 

Auflösungserscheinungen, die Turovski sprachkräftig Schritt für Schritt zwingend dem Leser schildert und in denen er prägnant und packend dies dunkle Atmosphäre des Ortes mit seiner immergleichen und langweiligen Oberfläche emotional dicht ins Bild setzt als korrespondierende Größe zum zunehmenden inneren Aufruhr in diesem so gesetzt wirkenden Mann.

 

Dass manchmal Wahnsinn und Pragmatismus, Alptraum und Realität einander nahe kommen du sich überlappen ist dabei genauso intensiv zu lesen, wie die Frage die Spannung aufrecht hält, wie es eigentlich auf Dauer weitergehen soll mit den entfesselten Kräften im Inneren und der auf Dauer unhaltbar erscheinenden Situation im Haus. Oder sieht Paul Gespenster, wenn er meint, seine Putzhilfe würde gezielt das Haus „auf den Kopf stellen“ oder uniformierte Beamte stehen schon vor der Tür?

 

Das Ende wird drastisch, soviel kann verraten werden.

 

 

Wobei auch deutlich sei muss, dass dies, wie bei Turovski gewohnt, keine einfache oder leichte Lektüre ist. Detailreich, mit teils ineinander übergehenden Wechseln zwischen realen Ereignissen und intensiven Fantasien, mit gewagtem Mut (das Gegensprechgerät mit zum Mittagstisch in der Gaststätte zu nehmen) und der stark zunehmenden Zerrüttung der Nerven seiner Hauptfigur muss der Leser sich schon auch konzentrieren. Was die Mühe Seite für Seite lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2018