Andiamo 2016
Andiamo 2016

Jan Turovski – Polnische Dörfer

 

Lang nachwirkende innere, äußere und neue Migration

 

J.K.Cox kauft ein Haus.

 

Das ist kein sonderliches Ereignis, zunächst. Wäre das Haus nicht in Red Oaks, nicht Schauplatz eines Mordes gewesen, nicht auf dem Gelände einer ehemaligen Polen-Siedlung und nicht in einem so kleinen Kaff. In dem die sozio-dynamischen Kräfte noch ungebrochen eng wirken. Nichts ist interessanter als Informationen über andere. Nicht ist schneller bei der Hand als eine Wertung über andere. Alles wird interpretiert, zerredet, umgehend greift der zum Telefon, der meint, wieder etwas Neues über diesen Mann erfahren zu haben. Und nichts ist beunruhigender als „ein Fremder“ im vertrauten Ort.

 

„Scheißpole“ ist dann die Antwort in Form eines Zettels an seiner Tür, als mehr über seine Person bekannt geworden ist.

 

Der Leser allerdings ist, im Gegensatz zu den lästerhaften Einwohnern, durchaus besser informiert. Detailliert und sehr differenziert bringt Turovski in dieser ruhig erzählten Geschichte, in der vordergründig lange Zeit nicht unbedingt viel an äußeren Ereignissen im Raum steht, seinen „Cox“ von allen äußeren und inneren Seiten her näher.

 

Werden die meisten der Einwohner der Kleinstadt in ihrer Physionomie kurz und bündig mit der altbekannten (ehrlich gesagt auch altbackenen) des Vergleiches mit Prominenten vom äußeren Bild her geschildert, arbeitet Turovski dies (und mehr) bei seinem Protagonisten dies überaus filigran heraus.

 

Das Thema der Migration wird dabei einerseits direkt dargestellt (der Zuzug und das „Standing“ des Cox in der Stadt, die vielfachen Reaktionen auf „den Neuen“ und damit „das Fremde“ bei den Bewohnern), dekliniert Turovski mit seiner eleganten, wortreichen und bildreichen Sprache an Cox die innere Befindlichkeit des „eingewanderten Fremden“ auch nach Generationen noch heraus. Und lässt dabei den Leser immer wieder tief in diesen souverän wirkenden Mann mit der gut versteckten inneren Unruhe werfen.

 

Privat massiv gescheitert und dennoch, zumindest nach außen, souverän in sich ruhend, lässt Cox es sich nicht nehmen, hier und da einen Anruf zu tätigen, um alleine die aufgeregte, ins polnische verfallene Stimme mit Genuss sich aufregen zu hören. Er hat seinen polnischen Namen schon längst amerikanisiert. Er hat mit seinen Landsleuten schlechte Erfahrungen gemacht, die ihn fast bis in den Ruin trieben und hat dennoch seinen Weg als Immobilienmann gemacht.

 

Füße zurücklehnen, den Wald betrachten, sich nicht einbinden lassen im Ort. Das ist sein Ziel. In seinem weißen Haus.

 

Aber warum geht er dann seinem Interesse für eine attraktive Frau nach? Warum lässt er sich doch zum Angelwettbewerb bewegen, den er haushoch gewinnt und damit für Unwillen bei den Alteingesessenen sorgt. So hat man sich als „Neuer, Fremder“ nicht zu benehmen. Und warum kauft er ein weiteres Haus, streicht dieses rot-weiß in den polnischen Nationalfarben?

 

„Menschliche Verzweiflung führt selten zu großen Erkenntnissen“.

 

So sagt es jene ihn anregende Frau. Und so stimmt es. Wobei zumindest in ihm die Erkenntnis deutlicher wird, dass er das innere Erbe seiner Vorfahren nicht leugnen kann. Und mehr und mehr zielgerichtet und bewusst nach Häusern sich umsieht, die ebenfalls über kurz oder lang in „seiner Siedlung“ rot-weiß erstrahlen.

 

Die Versuche, mit Hühnern und einer Katze alleine das einfache Leben zu genießen, das steckt letztlich einfach nicht in ihm drin. Was Turovski Schritt für Schritt fesselnd entblättert.

 

Die Lust an der Gewalt auf anderen Seiten, der blinde, unreflektierte Kampf gegen alles und jeden, der anders ist, dass dies in einer der Figuren steckt, daraus wiederum macht Turovsiki von der ersten Begegnung mit diesem Mann keinen Hehl. Momente, die von hoher Bedeutung für das andersartige, völlig überraschende und eher kurze Finale sein werden.

 

Einer, dem egal ist, welche Nationalität der „Gegner“ hat. Hauptsache fremd, Hauptsache „ausradieren“, wird immer den Richtigen treffen………

 

Ein Finale, in dem in wenigen Augenblicken und dichtgedrängt all das eskaliert, was sich lange, lange, teils auch nur leicht, im Hintergrund angedeutet hat.

 

„Und was machst Du nun mit Deinen Häusern, Cox? Mal im Ernst, was hast du vor?“.

 

Doch der Cox am Ende des Buches ist nicht mehr ganz der gleiche, wie zu Beginn. All dies, auch das schreckliche, dramatische Ereignis hat ihn zurechtgerückt, seine „alte“ Person mit seiner „neuen“ Person verschmolzen, das Erbe der Herkunft und den ganz eigenen Weg in diesem „freien Land“ vor Augen geführt.

 

Sprachlich, was die Tiefe der Entwicklung im Protagonisten angeht, was die unausrottbar scheinende Abwehr gegen „das Fremde“ auch in der Gegenwart angeht, all das macht „Polnische Dörfer“ zu einem überzeugenden, sehr zu empfehlenden Roman

 

 

M.Lehmann-Pape 2016