Hanser 2015
Hanser 2015

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann

 

Ausgereift

 

Einfach so fiel Betty um. Tot.

 

Und der ehemalige Richter der Kronkolonie Hongkong, der davor Kronanwalt und davor Student und davor stotternde Schüler und davor Halbwaise und zur „Verwahrung“ von seinem Vater aus Asien nach Wales gesendete Edwart Feathers  (“Filth“, „The old Filth“, „The majestic Filth“) tut das, was er immer schon am besten beherrschte.

 

Eine untadelige Haltung bewahren.

 

Konservativ perfekt gekleidet, auf seinem Landgut. Mit ebenso perfekten Umgangsformen, wie er (fast immer) perfekte Urteile und Recht gesprochen hatte. Ausgeglichen, höflich, ein wenig aus der Zeit gefallen. Eine „Raj-Waise“ jener gesicherten und gesetzten Jahre des Empire, der fern von seinem (immer verschroben werdender Vater) in Wales als kleines Kind aufzuwachsen hatte.

 

Doch sowohl in dieser untadeligen Fassade als auch hinter der Vorderseite dieser „wunderbaren Ehe“ mit Betty, seiner Frau, verbergen sich alte Geschichten, dunkle Seiten, sich in der Vergangenheit auflösende Lebensfäden, die kaum mehr bewusst sind.

 

„„Ich bin am Ende, Teddy. Herz gebrochen. Wie Betty.“ (Wie Betty, was für ein Unsinn, niemals)“.

Ein Urteil, das Edward schmerzlich revidieren wird müssen. Und einen anderen, neuen Blick auf seine Ehe zu werfen haben. Der seiner Liebe keinen Abbruch zufügen wird.

 

Denn  irgendwas war da. Was Edward zum Stotterer gemacht hat. Was bei „Ma Didds“, der Pflegemutter,  damals stattfand. Mit ihm und (fast) allen anderen Pflegekindern dort.

 

Viel Zeit lässt sich Gardam in ihrer ruhigen, stetigen, tiefreichenden Erzählweise. Mit einer Empathie versehen, die diesen Edward Feathers dem Leser umgehend ans Herz wachsen lässt. Und in ihm Seite für Seite, bis zum alles klärenden Ende, auch die Seele des Kindes, das dieser Mann einmal war.

 

Ein Blick auf ein geprägtes Leben, das ist das eine, welches Gardam zum Thema macht.

Auf dunkle Schatten, die durch einen perfekten und mit hoher Energie aufrecht erhaltenen äußeren Rahmen, jenes „Untadelige“ hervorgerufen hat. Und nun langsam bröckelt. Ein Entwicklungsroman eines fast 90jährigen Mannes.

 

Und ein Blick auf die Atmosphäre und Zeit jenes Empire, der „Upper Class“, die Gardam wunderbar einfängt und in jeder Bewegung, in jeder Haltung, im ganzen Stil ihres Protagonisten einfängt (bis hin zu jenem Koffer, den er säubern und packen lässt für die letzte Reise im Buch).

 

Wie auf der Bahnfahrt nach London (noch mit seiner Frau) die mutwillig zerschlissenen Sitze in der ersten Klasse in den Blick rücken, wie er an anderem Orte völlig fehl am Platze auf einer Raststätte sitzt, im Anzug, mit Stil, umgeben von Piercings und rauen Tönen. Wie er die Autobahn, den modernen Verkehr erlebt, als er sich mit seinem alten Mercedes aufmacht, die Vergangenheit zu „besuchen“.

Das ist unprätentiös geschildert und trifft doch mit jedem Satz präzise den Zustand der Welt.

 

Wobei Gardam sehr klug kein Werturteil fällt und es dem Leser anheim liegt, ob der „die gute alte Zeit“ mit ihren Umgangsformen und ihrer Haltung der Distanz (auch der Distanz „mit harter Hand“) anregender empfindet oder ob die moderne Zeit wirklich so viel desorientierter lebt, als es gut für sie wäre.

 

Wenn allerdings Babs im Buch ihren ersten Auftritt in der Gegenwart hat, wenn Edward mit einem jungen Anwalt im Flugzeug ins Gespräch kommt, wenn er erlebt, wie sein alter, damals ehrwürdiger Kollege nun im Ton behandelt wird, dann ist schon eine deutliche Wehmut gegenüber der Geschäftigkeit, der mangelnden Formen der Gegenwart zu spüren.

 

Was nicht gilt für diese Art und Weise der damaligen Zeit, Kinder zu behandeln und mit äußerst mangelhafter Kontrolle sie Menschen zu überlassen, die vielleicht besser die Finger davon gelassen hätten. Aber dies muss der einzelne Leser dann schon selbst in diesem vielschichtigen Werk entdecken, wenn er sich nach einer gewonnenen Vertrautheit mit Edward auf die Reise in die Vergangenheit und die eigene Angst begibt.

 

Sprachlich ausgereift und hervorragend auch in den Figuren umgesetzt, mit einem sehr klaren Blick für die Atmosphäre der Zeiten und die inneren Linien, die einen Menschen prägen, langweilt Gardam trotz der ruhigen Erzählweise in keiner Weise und bietet eine sehr empfehlenswerte, emotional dichte und die jeweilige Zeit präzise und genau treffende Erzählung.


M.Lehmann-Pape 2015