Hanser 2016
Hanser 2016

Jane Gardam – Eine treue Frau

 

Klassischer Liebesroman mit Verve

 

Das Sujet des neuen Romans von Jane Gardam ist nun wirklilch ein sattsam bekannter „Klassiker“.

 

Die „kalte Ehe“ (mit Respekt, aber eher im Gleichgültigen angesiedelt) einer Zeit im englischen Empire, in der solche Ehen noch Gang und Gäbe waren, das Leben im „Fernen Osten“, in der Kornkolonie Hongkong und die Liebem die alles durch einander bringt, aber eben nicht wirklich gelebt werden kann.

 

Was Hintergrund für nicht wenige Schmonzetten der Literatur war, setzt Gardam nun aber mit großer Ernsthaftigkeit und erheblicher Tiefe als einen Blick auf das „Leben an sich“ um. Dekliniert an den beteiligten Personen (ein Dreieck von Ehe, Verbindung, Verpflichtung, Leidenschaft und Liebe) Kernthemen des Lebens durch.

 

Das dahinrasende Gefühl (auch wenn natürlich die Frage nach dem Realismus zu stellen ist, wie schnell hier zwei Menschen einander „verfallen“ im besten Sinne des Wortes), der innere Rückzug, die Versuche, das Leben in den gegebenen Bahnen gangbar zu machen und zu halten, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit und doch in all dem seinen Weg suchen und finden.

 

Das Ganze in einer bildreichen, ruhigen, eleganten Sprache verfasst, die jederzeit beim Lesser die wichtigen Emotionen freisetzt, ihn mit hineinnimmt in das Erleben der Personen (nicht nur in Bettys, der Hauptperson des Romans, Gefühlswelt hinein).

 

„…in ihrem goldenen Haus in der Reihe von Richterhäusern auf dem Peak, abgeschirmt von der Welt, über die Edward richtete und in der Elizabeth unablässig wohltätige Arbeit leistete“, schon ein Jahrzehnt nach all den Ereignissen, die in dieses Haus in dieser inneren Verfassung geführt haben.

 

Der hochgradig steife Heiratsantrag des honorigen Richters Edward. Die Annahme desselben durch Betty, die sich in ihrer Faszination, ihrem Gefühl für den Fernen Osten mit Edward einig weiß (aber mit nicht viel mehr). Das umgehende Kennenlernen eines anderen, noch am Hochzeitstag (mit schon da spürbarer Seelenverwandtschaft (und einer gehörigen Portion Herzflimmern)), Und ein Leben, das all diesem an innerer Führung nicht wirklich folgen mag.

 

Wobei das auch immer Entscheidungen Bettys mit sind. Nur Opfer von Gefühlen ist sie nicht, eher lange Zeit im Unklaren, was denn das „Richtige“ ist.

 

Denn eines ist klar, und dies spielt im Titel des Buches auch emotional bereits mit, eine Verräterin, ein „Mensch ohne Haltung“, das ist Betty auf gar keinen Fall. Und so ist diese Lebensgeschichte durchwirkt von  der Frage, ob das Leben nur Gefühl ist (wie es in seichten romantischen Romanen zu sein scheint) oder nur „Haltung“, ob es als „nur Haltung“ überhaupt geht, nicht nur äußerlich, vor allem auch in der inneren Ausrichtung.

 

Betty gibt ihr Bestes, keine Frage. Ihrem Edward eine aufrechte und treue, untadelige Ehefrau zu sein. Aber um welchen Preis? Oder ist dieser doch nicht die entscheidende Frage, was ihre Liebe zu einem anderen angeht? Passiert so etwas einfach und ist dann ruhig zu ertragen?

 

Verwirrend, nicht nur für Betty im Übrigen. Auch der Leser hat es nicht einfach, der roten Linie im Buch zu folgen. Die einzelnen Szenen und die auftretenden (und dann wieder auch schnell abtretenden) Figuren sind jeweils interessant und zum Nachdenken anhaltend gestaltet, die Verbindung all dieser Szenen aber wirkt nicht wirklich rund und gelungen.

 

Wenn Betty vielleicht nicht immer so viel Wert auf den „äußeren Stand“ legen würde, würde vielleicht auch ein wenig mehr Spannung in diese „Menage a trois“ geraten, in der vor allem der ersehnte Terry öfter ein wenig blass verbleibt.

 

 

Im Gesamten eine anregende Unterhaltung vor allem im Blick auf den massiven Versuch der Bewahrung von „englischen“ Traditionen in Zeiten des beginnenden Niedergangs des Empire und mit viel Blick für die Details einer Zeit, die gerade in Hinsicht auf diese traditionellen, lebensbestimmenden Formen weit, weit weg schon wirkt.

 

M.Lehmann-Pape 2016