Hanser 2018
Hanser 2018

Jane Gardam – Weit weg von Verona

 

Wunderbar erzählt

 

„Ich bin allerdings zum Glück nicht verrückt“. Aber eben „anders als die anderen“. Erläutert Jessica. Was mit dem Schreiben zu tun hat. Nachdem dieser Mann in die Schule kam, als Jessica neun Jahre alt war und den Schülern erläuterte, wie man Schriftsteller wird.

 

Wobei, Schreiben, das ist für Jessica Vie schon damals, als sie erst neun Jahre alt war, wie die Luft zum Atmen Ständig nutzt sie Papier, schreibt. Unstrukturiert noch, aber dennoch aus einem inneren Fluss heraus.

 

Nun ist sie 13 und richtet ihre neugierigen Augen auf alles und jeden, das und der ihren Blick kreuzt. Mit der Besonderheit, dass die inzwischen 13jährige Jessica zu ihrer Lust am Schreiben vor allem einen klaren, kritischen Blick besitzt, der den Menschen, jung und alt, ihrer Umgebung bis auf den Grund geht und sich Jessica ebenso nicht scheut, ihre Beobachtungen den anderen mitzuteilen.

 

Was nicht zu ihrer Beliebtheit unbedingt beiträgt (obwohl es durchaus Menschen gibt, die Jessica nahestehen, was diese nicht immer in vollem Umfang merkt), den Leser aber Seite für Seite anspricht und tief in die Schattierungen der Figuren im Buch mit hineinnimmt.

 

Und das in einer kritischen Zeit. Krieg, Luftangriffe auf England, diese merkwürdigen Erwachsenen, der Vater, der weitgehend mit sich und nicht wenigen kruden Gedanken beschäftigt ist, die Mutter, die nicht unbedingt ihre Lebensaufgabe darin sieht, sich mit aller Kraft um das heimische Wohlergehen der Familie zu kümmern („Nun ja, im Waschen bin ich nicht gut. Aber das mit dem Kuchen kann ich ja mal versuchen“), Lehrer und Mitschüler, die nur in wenigen Fällen verstehen, was in Jessica vorgeht.

 

„Ich habe einen Tadel bekommen….“

„Ach herrjeh, das tut mir leid. Aber solange es nur einer war…..“

„Es waren drei. Und ich konnte gar nichts dafür“.

Außer, dass Jessica es quasi in sich trägt, mit ihrer naseweisen, auch altklugen, vor allem direkten Art anzuecken. Gestützt durch die Familie, bei denen Vater und Mutter ebenfalls nicht unbedingt den angepassten Weg gehen.

 

Wunderbar verknüpft Jane Gardam in diesem Werk von 1971 vom Aufwachsen in bedrängten Zeiten, von Träumen , von Mut und einer aufrechten Haltung, die nicht antrainiert, sondern von Natur aus Jessica gegeben ist und weitet damit den Blick über die Person der Jessica hinaus auf das Alter des Heranwachsens selbst wie Plädoyer für das Erproben des Lebens, sich nicht abschütteln lassen, sich nicht einfach anpassen lassen, sondern die Welt mit offenen Augen und kritischem Blick betrachten, um den eigenen Weg (auch, was erste Liebesregungen angeht, die nicht unbedingt unter glücklichen Umständen stattfinden) darin zu finden.

 

Verbunden mit der wortreichen und immer treffend (mit Humor und leichter Ironie versehen) gesetzten Sprache zeigt Jane Gardam auch in diesem frühen Werk ihr Talent für spezielle Figuren, das Herausstellen teils skurriler Eigenarten, ein Stil, der klassisch britisch keine Langeweile aufkommen lässt und vielfache Bilder genau passend nutzt, die Welt aus der Sicht einer 13jährigen dem Leser überzeugend nahe zu bringen.

 

 

Wie so gut wie alles von Jane Gardam eine hervorragende Lektüre mit flüssiger Erzählkunst, einem scharfen Blick für die Figuren und dem Talent versehen, Atmosphäre, Situation und Figur immer wieder sprachlich perfekt auf den Punkt zu bringen.

 

M.Lehmann-Pape 2018