S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Jaret Kobek – Ich hasse dieses Internet

 

„Ver-rückt“ und andersartig, aber den Finger genau auf die Wunde legend

 

„Außerdem ist Jack Kirby die Hauptfigur dieses Buches, weil es kein guter Roman ist. Es ist ein wirklich verworrenes Buch mit einer Hauptfigur, die nie auftritt“.

 

Sagt Kobek. Und irrt nur in einem nicht: dass es in seinem Sinne (da muss der Leser schon in Ruhe die Definition eines „guten Romans“ im Buch selbst lesen) kein „guter Roman“ ist.

Zum Glück.

 

Sondern eben ein aufrüttelnder, einer, der den Spiegel vorhält, nicht nur dem Internet sondern der ganzen westlichen Spaß- und „Konsumgesellschaft, die alles an Rechten ihrer privaten Existenz dem „Internet“ in Form konkreter Konzerne geradezu aufdrängt, damit diese (kostenfrei natürlich) die gleichen Daten mit bestem Gewinn weiter nutzen.

 

Und das ist die Parallele zu Jack Kirby, wahrscheinlich eher Insidern bestens bekannt. Jener Graphic-Novel Autor, der das gesamte Marvel-Superhelden-Imperium geschaffen hat. Aber als „Auftragsarbeit“ natürlich, was heißt, dass er von den über 5 Milliarden Euro Gewinn, der auf den Figuren beruht, keinen Cent gesehen hat. Und außerdem bereits gestorben ist.

 

Daher ist Kirby nur im Hintergrund die „Hauptfigur“ des Buches (da wäre eher die Mittvierzigerin und ehemaligen Comic-Zeichnerin Adeline an erster Stelle zu nennen), aber sehr wohl das Prinzip der „Ausbeutung“, das zu allen Zeiten vorherrschte und nun durch das Internet richtig Fahrt aufnimmt.

 

Und dabei gilt: Wehe, wer sich nicht „Mainstream“ verhält (siehe die Definition von „guter Roman“, siehe das Erleben von Adeline, siehe wir alle jeden Tag).

 

„1996 war (für San Franzisco) kein entscheidender Moment, weil Adeline eintraf. Das Besondere an 1996 war, dass in diesem Jahr der Wirtschaftsfaktor Internet ins kollektive Bewusstsein drang“. Und aus der Metropole des „alternativen“ Lebens eine boomende Stadt (in der kein Normalverdiener mehr die Mieten zahlen könnte) wurde.

 

Breit angelegt, mäandernd assoziierend schreitet Kobek das Leben der Gegenwart angesichts des Internet ab. Bringt dutzende von Seitenlinien in die Geschichte, die immer und immer wieder um das Eine kreisen, wie sich „Brot und Spiele“ inzwischen Verknüpfen zu „Geschäften“, an denen Milliarden Menschen bereitwillig mit ihren Daten teilnehmen, in denen Gentrifizierung und Zugang zu Kapital eine massive zwei Klassen Gesellschaft schafft, wie der normale „etwas verpeilte“ Mensch (wie Adeline) zwischen die Mühlsteine des Shit-Storms gerät wegen der ein oder anderen zwar ehrlichen, aber unbedachten Äußerung.

 

An der wiederum Kobek süffisant und trocken durchdekliniert, wie ein kleiner Vortrag durch das „gefilmt“ werden dann weltweite Wellen schlägt (inclusive eines genüsslichen Blicks auf den Umgang (und die Fähigkeit zu diesem) mit der Grammatik und Rechtschreibung der „Intelligenzbestien“ mit ihren Posts auf allen Kanälen von Facebook bis Twitter).

 

Aber das ist eh alles nur Ablenkung, folgt man Kobek durch seinen schrägen, aber ungeheuer geschärften Blick auf die „Strukturen der Welt“ und der Macht. Wenn er den Disney Konzern Schritt für Schritt auseinanderbaut und den Leser offen darauf schauen lässt, wer die Arbeit machte, wer die Idee hatte und wer Ruhm, Geld und Erfolg einstrich (und dass das auf keinen Fall die gleichen Personen waren), dann ergibt sich eine Melange aus Dumpfheit (der „User“), aus Verwirrung (die „Opfer“ und „nicht-Kundigen“) und aus einem ständigen und immer schneller werdenden „Händereiben“ (jener, die wissen, was sie tun und wie sie mit weitgehend Nichts die Kassen gefüllt bekommen).

 

Im Stil ebenso „ver-rückt“, wie es in Teilen des öffentlichen Lebens inzwischen sich darstellt, ganz nah am Zeitgeist, ausschweifend und abschweifend (auch wenn es eine eher vage rote Linie im Roman gibt), vor allem aber unglaublich treffend.

 

Jede Information, die Kobek gibt, jedes konkrete Ereignis, das er atmosphärisch wunderbar trocken erzählt, jede Haltung, die im Roman zu erkennen ist, führt dazu, dass der Leser entweder fast jeden Absatz im Buch unterstreicht, um ihn im Kopf zu halten (was bei der Fülle einfach nicht geht) oder irgendwann beginnt, sehr, sehr langsam und genau zu lesen.

 

Falls es Leser findet, denn „die Menschen lasen lieber über das Kopulationsgebahren von übernatürlichen Wesen“ im Sinne des „Werwolfs“, „Vampire Diaries“, „Walking Dead“ usw., als echte Bücher mit echten Inhalten.

 

Rassismus, Kapitalismus, Dummheit, die Definition der „eigentlichen Währung“ im Internet (nicht Geld, sondern Ruhm für ein paar Sekunden), der Umgang miteinander und was die Welt unter „dem einen wahren Gott“ meint zu verstehen (und wo dieser unter Umständen wirklich zu finden wäre), all das und noch mehr schreitet Kobek umfassend ab.

 

 

Und lässt den Leser nach der Lektüre erschöpft, angefüllt mit Informationen und ein wenig ratlos zurück. Aber mit dem Eindruck, dass man da nun wirklich was machen sollte, so gering die eigenen, kleinen Möglichkeiten auch sind.

 

M.Lehmann-Pape 2016