S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Javier Cercas – Outlaws

 

Breite und Dichte Milieustudie

 

Es ist kein Zuckerschlecken, wenn man mitten in der Pubertät nur „Brillenschlange“ gerufen wird und plötzlich ein massives Mobbing durch gerade jene erlebt, die man Freunde nannte.

 

Ignacio Canas lebt in Gerona. Keine allzu große Stadt, bekannt vor allem durch ihren patriotischen General, der die Stadt bis zum Letzten gegen die Franzosen verteidigte.

 

Eine Stadt mit ihrem bürgerlichen „Kern“, aber auch den Problemvierteln.

Dem überschaubaren Rotlichtbezirk. Der Sozialsiedlung.

Lebensbereiche, die erst mal wenig miteinander zu tun haben.

Die Cercas treffsicher durch die flüssige Erzählung in ihren je eigenen Atmosphären nahe bringt.

 

Für Ignacio aber stellen sich bald schon Verbindungen her.

Denn ausgestoßen und malträtiert von seinen Freunden gerät der Junge aus gut bürgerlichen Verhältnissen im Gerona Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre an Zarco. Und Tere.

 

Jugendliche aus Behelfsunterkünften am Stadtrand. Quinquins, eine Art Roma Spaniens (wenn der Begriff Roma auch von den Quinquins massiv abgelehnt wird).

 

Zarco, der nicht nur hart und kühl wirkt, sondern ebenso hart und kühl auch ist. Der mit Tere, seinem „Schatten“, einem Mädchen, das bedingungslos an seiner Seite steht, „erfolgreich“ schon auf eine Reihe von Einbrüchen zurückblickt. Den nächsten Coup bereits im Blick.

 

Da kommt „Brillenschlange“ gerade recht. Denn Ignacio könnte Informationen besorgen, die Zarco gut gebrauchen kann.

Während Ignacio sich umgehend in die schöne Tere verliebt und von dieser durchaus ebenfalls beachtet wird, ahnt der Leser bereits, dass Zarco und Tere ganz ihr eigenes Ding machen und Ignacio, zumindest zu Anfang, nur „Mittel zum Zweck“ ist.

 

Was sich ändern wird. Oder vielleicht auch nur an der Oberfläche.

Mehr und mehr schließt sich Igancio an, überwindet seine Angst und bietet mehr und mehr „Köpfchen“ für den weiteren Verlauf der Bande.

Bei einfachen Einbrüchen in unbewohnten Ferienhäusern wird es nicht bleiben.

 

Was mit der Zeit auch die Polizei auf den Plan ruft.

 

Es kommt, wie es kommen muss.

Irgendjemand gibt einen Tipp. Bei einem Banküberfall ist die Polizei vor Ort, Ignacio kann entkommen. Sehr zu seiner (und des Lesers) Verwunderung, zunächst.

Es wird lange dauern, bis ans Ende des Buchs, bis eine Idee entsteht, warum das so war.

 

Jahre später beginnt ein Prozess. Und Ignacio wird wiederum eine gewichtige Rolle übernehmen.

Einer, der  den Absprung geschafft hat, der die Seiten gewechselt hat, der nun als Anwalt arbeitet. Und wieder ist es Tere, die ihn einbezieht, die in ihm die einzige Chance sieht, Zarco bestmöglich zu verteidigen.

 

Doch alles kommt anders, als gedacht. Anders, als geplant. Anders, als möglich.

 

Liebe, die einen unrettbar an eine andere Person bindet, trotzt irgendwann dann besseren Wissens.

Verehrung eines Freundes, der vielleicht nie ein Freund war, einen aber dennoch in der Pahse des Findens des eigenen Selbst beeindruckt hat.

 

Momente, Emotionen, die vor allem eines in sich tragen: Sie füllen das innere Vakuum in einer drögen Zeit, an einem drögen Ort in einem Moment der tiefen Verletzung.

 

Doch Ignacio scheint an sich kein glückliches Händchen, keinen klaren Blick für Freundschaften zu besitzen. Ein ganzes Leben fast wird es brauchen, bis Ignacio mit bitteren Erfahrungen versehen die Augen wirklich öffnet.

 

Eine Geschichte auch von Chancenlosigkeit, auf der anderen Seite. Von Kindern und Jugendlichen, die von früh an nur am Rand standen und nur den Rand kannten. Was sich in der eigentlichen Beziehung zwischen Zarco und Tere später noch einmal ausdrücken wird.

 

„Zarco war ein übler Typ. Ein richtig übler Typ. Und zwar immer schon, soweit ich weiß“.

 

In Form eines rückblickenden Berichtes erzählt Ignacio diese Geschichte, um einem Autor zu ermöglichen, diese in  eine Buchform zu bringen. Unterbrochen hier und da von Einschüben aus der Sicht des damals ermittelnden Polizeibeamten.

 

Ein dichter, teils mäandernder Strom von Worten, eine Vielfalt an Erlebnissen, die das Innerste des jungen und später erwachsenen und jetzt alten Menschen Ignacio zum Vorschein kommen lässt. Das den Leser weniger wegen der kriminellen Aktionen, vielmehr aufgrund der inneren Beziehungen zwischen den Figuren fesselt, gerade weil Cercas so manches an Motiven im Vagen und Ungewissen lassen wird und damit die Fantasie des Lesers immer wieder fordert.

 

Was ist Wahrheit? Was verbindet Menschen? Was bindet Menschen auch gegen eigentlich besseres Wissen? Hätte es andere Möglichkeiten, Chancen gegeben?

 

Nicht immer einfach zu lesen und hier und da auch mit Längen verbunden, gelingt Cercas doch wiederum ein treffendes Portrait einer Zeit, einer gesellschaftlichen „Platzzuweisung“ und intensiv miteinander verzahnter Personen

 

M.Lehmann-Pape 2014