Hoffmann und Campe 2018
Hoffmann und Campe 2018

Jean-Marc Ceci – Herr Origami

 

Zen, das Leben und die innere Entwicklung

 

In Form und Inhalt bietet dieses (von der Lektürezeit her nicht ausufernde) Werk von Ceci. In dem die fernöstliche Kunst, sich ganz auf das zu konzentrieren, was man gerade tut, in all dem seinen eigenen, roten Lebensfaden zu entdecken dieser inneren Stimme zu folgen und mit allen Kräften zu versuchen, dieses dann in Perfektion und „meisterhaft“ zu erlernen.

 

Grundlagen, die gerade auch für „Origami“, die hohe Kunst, Papier in faszinierenden, filigranen und erkennbaren Formen zart und detailliert zu falten, das am Ende ein meisterliches Kunstwerk daraus entsteht.

 

Wobei die eine Hautperson des Werkes, Meister Kurogiku, gar zwei „Meisterschaften“ beherrscht. Denn nicht nur das Origami selbst, sondern auch die Vorstufe, die Herstellung ganz besonderen Papiers ist sein Metier.

 

„Was sind das für Setzlinge“?

„Kozo“.

„Der andere Name des Kozo lautet: Papiermaulbeerbaum“.

 

Mit drei Setzlingen beginnt es. Und ebenso kunstvoll und mit sehr präziser Sprache, direkt, klar, jeder Absatz wie in Gedichtform und alles unnötige und rein Ausschmückende vermeidend, vermittelt Ceci dem Leser allein schon durch diese besondere Form und Sprache eine „Innenansicht“ konkret dieser Künste. Und, im Hintergrund mitschwingend, letztlich aller wirklichen Künste und der Haltung, die es für diese bedarf.

 

Bis hin, wie ein Abschluss des ersten Teils des Buches, zu einer ebenso genauen und sprachlich einfachen, direkten, treffenden Schilderung der sorgsamen Herstellung des Papiers.

 

Das sich allerdings das Leben, anders als es der Meister lange im  Buch exerziert, nicht in meditativer Besinnlichkeit erschöpft, das, im übertragenen Sinne, der Innerlichkeit des Zen in deren Veräußerlichung durch das Papier und die Faltkunst zudem noch ein anders, äußeres und dem breiten Leben zugewandte korrespondiert, dem wendet sich Ceci im Buch ebenso poetisch sorgfältig im weiteren Verlauf der Geschichte zu.

 

Als Kurogiko Besuch erhält von einem jungen Mann, der, wie er selbst, auch einer Kunst nachgeht (er ist Uhrmacher) und beide somit, aus ganz anderen kulturellen Richtungen kommend, wissen, dass es für die wichtigen Dinge des Lebens eine ruhige Hand, eine starke Geduld und ein Wissen um die Wichtigkeit der kleinen Dinge in sauberer Ausführung braucht.

 

Und das Wissen darum, dass die „großen Dinge“ der Welt ihren Lauf immer in den „kleinen Ursachen“ finden, dass alles ineinandergreifen muss, damit es im Gesamten störungsfrei seinen Sinn frei ausleben kann.

 

In dieser inneren Welt und beidseits meditativen Haltung findet sich die gemeinsame Grundlage, auch das einander Fremde, das kulturell verschiedene, die Welt selbst, mit in die eigene Abgeschiedenheit (wieder) einzulassen.

 

Wo sich thematisch ein Kreis beginnt zu schließen, denn nicht allein aus innerer Berufung schöpft der Meister sein Papier und faltet seine kunstvollen Geschöpfe aus diesem Papier, sondern zu Anfang war er noch auf der Suche. Nach der Liebe. Als diese ergebnislos verlief erst kapselte sich der Meister mehr und mehr ins ich selbst ab. Was aber ja nicht endgültig sein muss, wie sich zeigen wird.

 

Mit dem Mut zum „weißen Fleck“ (vielfach wenig bedruckte Seite) lenkt Ceci den Blick, vor allem aber die Emotion des Lesers, punktgenau auf das Wesentliche der inneren und äußeren Abläufe seiner Geschichte. Gibt durch die Form und die einfache Sprache dem Leser eine spürbare Entschleunigung mit auf den Weg und eine, dieser korrespondierenden, faszinierend zunehmenden Tiefe.

 

 

Eine sehr andersartiges, faszinierende und in Form und Inhalt wunderbar gestaltete Lektüre, die ein wirklich Neues, anderes Leseerlebnis in sich birgt.

 

M.Lehmann-Pape 2018