Droemer 2018
Droemer 2018

Jennifer Haigh – Licht und Glut

 

Präziser Blick in das amerikanische Leben in der Provinz

 

Bakerton ist nichts Besonderes. Erstmal. In der Gegenwart. Ein eher verschlafener, ländlicher Ort, der seine Boom-Zeiten (Bergbau, Öl und anderes) schon lange hinter sich hat. Wie so viele Orte der „Mitte“ der USA. Überall gabs mal was, aus dem sich ein Geschäft, Geld machen ließ, der Tross kam, die Dienstleistungen in Form von Bars, Supermärkten und anderen Vergnügungen und, als das vorbei war, zog der Tross genauso weiter. Zum nächsten „Hot-Spot“.

 

Es ist im Kern diese Fixierung auf „Geschäfte“, die Jennifer Haigh in bester Weise mit den Geschichten und Persönlichkeiten der einzelnen Protagonisten verbindet, die diese ganz bestimmte Melange amerikanischen „ländlichen“ Seins ergeben, in denen sich die scheinbar stete Hoffnung wiederfindet, jederzeit darauf zu achten, bereit zu sein, Chancen zu ergreifen, wenn sie sich denn ergeben.

 

Eine innere Ausrichtung, die, auch wenn sie scheinbar „schläft“, jederzeit für ein „Fieber“ sorgen kann. Das zu Beginn Bobby Frame entfacht. Reisender in Sachen Nutzungsrechte. Und mit dem Auftrag versehen, Bohrgenehmigungen der Landbesitzer zu sichern, um durch Fracking Schiefergas dort in Pennsylvania zu fördern.

 

Was umgehend die täglich ums Geld ringende Einwohnerschaft elektrifiziert. Allerdings nicht alle und damit ist die Bühne bereitet für all jene menschlichen Eigenarten, welche die Aussicht auf Gewinn umgehend freisetzt.

 

Zuvor eine einigermaßen befriedete Gemeinschaft, die nicht umfassend, aber doch aufeinander achtet, die sich, bei allen traditionellen Konflikten zwischen bestimmen Familien, doch einigermaßen bewahrt.

 

Und nun zeigen sich Risse. Zwischen denen, die verpachtet haben und dringend auf den Beginn der Arbeiten warten (wie nicht unüblich ist der erhoffte Gewinn bereits verplant) und jenen, die aus Sturheit oder Überzeugung eben nicht möchten, dass kilometerlange Seitwärtsbohrungen mit wenig einschätzbaren Risiken den Landstrich beherrschen.

 

Sei es dabei Devlin, der Gefängniswärter, der auf eine Finanzspritze angewiesen ist, um seinen Ausstiegsplan aus diesem Leben anzugehen, sei es seine Frau, die fast naiv, vor allem aber mit wenig Elan dem Leben begegnet, sei es jenes lesbische Paar auf der anderen Seite (der Gegner des Vorhabens), die mit ihrem Bio-Bauernhof Stück für Stück mehr unter Druck geraten (denn allein schon der Verdacht von Erarbeiten lässt die „Reinheit der Milch“ in zweifelhaftem Licht erscheinen, noch so eine Überreaktion, zu der nicht wenige im Buch neigen) und anonym teils mit drastischen Mitteln „auf Spur gebracht“ werden sollen.

 

Bis hin zu Devlins Ehefrau, die symbolisch im Roman für jene schlichte, naive, dennoch überaus beharrliche Frömmigkeit steht, die einen nicht geringen Teil des amerikanischen Lebens mitbestimmt.

 

„Jede Menge Bohrungen da oben. Und es wird noch schlimmer. Der halbe Kreis ist bereits verpachtet“.

 

Unaufdringlich, aber unverkennbar rückt High das Primat von Geld und Gewinn, des Geschäftes vor dem Zwischenmenschlichem (auch innerhalb von Familien) in den Vordergrund.

 

Dabei schreibt Haigh durchgehend differenziert und nicht einseitig den „Mammon“ verachtend, sondern bringt dem Leser auch emotional die vielfachen Zwickmühlen ihrer Personen nahe. Von denen viele es sich letztlich auf Dauer gar nicht leisten können würden, auf solche Chancen zu verzichten, ohne ebenso abgelegt und vergessen zu werden, wie der gesamte Ort. Bevor das Gas als „neues Ding“ entdeckt wurde. Auf diese Weise rückt der Leser den Personen sehr nahe und vermittelt den Fakt und die Auswirkung des „irgendwo am Rande Lebens“ ebenso treffend, wie die stetige Hoffnung, eine Chance zu bekommen und zu ergreifen.

 

 

Menschen als Spielball großer Gesellschaften, aber auch eigener Ängste, Gier, Hoffnungen und Fixierungen, die doch am Ende innerlich leer zurücklassen werden. Und, wie immer, nur einige Gewinner und viele Verlierer zurücklassen wird. Nicht nur, was die wirtschaftliche Sicht betrifft.

 

M.Lehmann-Pape 2018