Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

Jenny Diski – Küsse und Schläge

 

Etwas unübersichtlich

 

So richtig interessiert ist Rachel eigentlich weniger an kleineren oder Größeren Eskapaden mit dem anderen Geschlecht.

 

Sie lebt gut ohne engere Beziehung und selbst kurze Ausflüge in die Erotik lassen im Vorfeld das ein oder andere Mal eher Langweile in ihr Aufkommen denn überbordende Lust.

 

Ihre Freundin Becky, ihre Aufgabe in Bezug auf den jungen Pete, den sie als Schüler begleitet und dessen labile Persönlichkeit sie zu stärken versucht, füllen ihr Leben eigentlich aus.

 

Und auch ihr erstes Treffen mit Joshua bei Freunden entfacht in ihr keine unbedingte Glut der Leidenschaft. Etwas dicklich, ganz selbstsicher, aber nicht so richtig ihr Typ und nicht die richtige Lebensphase.

 

Bis Joshua sich mehr oder minder einfach nimmt, was er will. Kühl bis kalt, hart, Schläge auf den Hintern, kompromisslos. Immer nur dann, wenn ihm gerade danach ist, Kontaktaufnahme von Rachels Seite her ist nicht erwünscht.

 

So entsteht für die junge Rachel ein „doppeltes Leben“. Selbstbewusst, mitten im Leben, gut für sich zurechtkommend, aber nur, bis der Anruf kommt, die Tür aufgeht, Joshua Wohnung betritt.

 

Ein geheimnisvoller Mann, einerseits, einer aber auch, dem Rachel vieles zutraut, andererseits und ein Mann, von dem Gefahr ausgehen könnte.

 

Dieser Strang der Geschichte, der im Klappentext als das eigentliche Thema des Buches genannt wird, bildet allerdings rein proportional im Buch nur eine Erzähllinie neben anderen roten Fäden.

 

Natürlich gibt es vier bis fünf explizite sexuelle Szenen, natürlich kommt auch eine Erfahrung mit einer anderen Frau nicht zu kurz. Dennoch sind diese Szenen und diese gesamte Liaison eher eine Klammer des Buches, die zu Anfang und zum Ende hin Höhepunkte erlebt im Rahmen der Beschreibung von Rachels Alltag, vor allem ihrer Beziehung zu de jungen Pete und den Dramen, die sich dort anbahnen.

 

Die plötzliche Nähe zu einer anderen Frau allerdings ergibt sich wenig organisch aus dem Geschehen, steht dauerhaft ein stückweit unverbunden mit den anderen Ereignissen, fast, als hätte die Autorin hier nur mehr ein Klischee des härteren, erotischen Romans bedienen wollen. Eine der wenigen Schwachstellen der erzählerischen Linie des Buches.

 

Interessanter sind da schon die Blicke in Rachels Vergangenheit, in jene Person, die sich hinter der selbstischer wirkenden, jungen Frau verbirgt. Jene Tiefe, die gegen den äußeren Schein sehr wohl für die unterlegene Rolle, die Schmerzen, die kühle Behandlung durch Joshua bereit und offen ist.

 

Ein wenig Drama des Lebens im Alltag, eine parallel laufende erotische Liaison, welche Diski in aller Klarheit, manchmal auch Derbheit der Sprache schildert,  mit besonderen Vorzeichen und, am Ende, ein stückweit auch Thriller, so bietet Diski einerseits sprachlich flüssig durchaus eine voranschreitende Handlung mit einer gewissen Tiefe vor allem Rachels, lässt aber die verschiedenen Handlungsstränge teils zu unverbunden nebeneinander her  laufen.


M.Lehmann-Pape 2015