Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Jesus Carrasco – Die Flucht

 

Auf den Punkt reduziertes, hervorragendes Debüt

 

Der Junge flieht. Innerlich vorbereitet, aber, dem Alter gemäß, mit keiner guten, ausreichenden äußeren Planung und Versorgung. Er übersteht die erste Suchaktion seiner Leute aus dem Dorf. Er weiß, dass gerade der Polizeiwachtmeister alles daran setzen wird, ihn zu fangen, einzuholen und Schlimmeres.

 

„Genauso wenig hatte der damit gerechnet, jemanden um Hilfe bitten zu müssen. Schon gar nicht so bald“.

 

Die Sonne brennt unbarmherzig, hart sind die Lebensbedingungen in der ausgedörrten Ebene, Angst ist sein Begleiter, Wasser Mangelware. Und er geht. Bis er auf ein paar armselige Schafe, einen Esel, einen Hund und den dazugehörigen, verwitterten, alten Hirten trifft.

 

Sein Hunger und Durst sind drängender als seine Angst und, merkwürdigerweise, nimmt sich der Hirte seiner an. Wie es scheint, eher widerwillig, aber als der Junge in der Sonne einschläft und einen Sonnenstich und Verbrennungen davonträgt, tut der Alte eben, was getan werden muss mit den einfachen bis einfachsten Mitteln, die das Leben, verwurzelt mit der kargen Natur, zur Verfügung stellen. Vielleicht aus einem Glauben heraus, über den er nur einmal kurz spricht? Vielleicht, weil er Mitleid empfindet? Oder vielleicht vor allem, weil in dieser archaischen Lebensweise bei aller Grausamkeit dem Hirten zumindest klar ist, dass Menschen nur gemeinsam eine Chance haben und Zuwendung auch sein Grundbedürfnis ist?

 

Schritt für Schritt, mit nur ein paar wenigen, hier und da hingeworfenen Worten, vor allem aber durch Handlungen, fasst der Junge ein wenig Vertrauen und stellt fest, dass der Alte seine vertrauten Weidegebiete verlässt.

Er weiß vor dem Jungen, dass die Häscher auf der Spur sind. Doch wirklich entkommen können beide auf Dauer nicht. Mit Folgen. Klaren, direkten und brutalen Folgen.

 

Archaisch reduziert erzählt Carrasco seine. Reduziert auf Handlungen, reduziert auf das, was den Kern einer Beziehung ausmacht. Ein Leben wie vor hunderten von Jahren, entfaltet sich so vor den Augen des Lesers. Der sich fragt, warum genau der Junge flieht und erst langsam eine Ahnung erhält, die später zur furchtbaren Gewissheit wird.

 

Um Schutz geht es, um Unversehrtheit, um das zerstörte Grundvertrauen eines Jungen, der von Vater und Mutter unentschuldbar im Stich gelassen wird. Schutz und die Chance auf echtes Vertrauen aber bieten sich bei diesem alten, stinkenden, kaum noch beweglichen Mann. In unbarmherziger Situation.

 

Eine Umbarmherzigkeit, die Carrasco in den entsprechenden Momenten im Buch mit ungeschminkter Härte und Gewalt bildkräftig zu beschreiben versteht. Wie überhaupt dieses Roman-Debüt literarisch hochwertig sich entfaltet, in einer Sprache, die reduziert in fast jedem Satz den Kern der Dinge nach Außen holt und anschaulich zu beschreiben versteht. Mit der die Angst, die Verwirrung, das langsame sich „aneinander gewöhnen“ genauso intensiv in den Raum tritt, wie die schmierige und arrogante Härte des Verfolgers und seiner Schergen.

 

Ein Buch von außergewöhnlicher Kraft in der Sprache und der Darstellung.

 

M.Lehmann-Pape 2013