DVA 2013
DVA 2013

Jo Lendle – Was wir Liebe nennen

 

Chemische Botenstoffe oder einfach Romantik?

 

Was der Mensch Liebe nennt, ist, auf dem neuesten Stand der Hirnforschung, eine Verkettung und gegenseitige Beeinflussung von chemischen Prozesse im Hirn des Menschen. An manchen Stellen im Buch nimmt Lendle genau dieses auf und erläutert dem Leser Schritt für Schritt damit zunächst durchaus fast eine „Entzauberung der Liebe“, zumindest dessen an „Schmetterlingen“ und „romantischem In-die-Augen-versinken“, was man sich im Alltag (aus mannigfaltigen Romanen und Filmen mit bestimmt) so unter Liebe vorstellt.

 

Was ernüchternd wirken mag, von Lendle jedoch im Zusammenhang gelesen durchaus auch als eine Form der Darstellung des „Zaubers des Neuen“ und der Liebe verstanden werden kann. Trotzdem sind diese Passagen im Buch eher mühsam und langweilig zu lesen, was sich allerdings in der Gesamtbetrachtung verschmerzen lässt.

 

Denn diese Geschichte des Mannes Lambert, der sich plötzlich der Möglichkeit auch zu einem anderem als dem ihm gewohnten Leben gegenübersieht, der auf einer „beruflichen Reise“ als Osnabrücker Zauberer nach Kanada dort eine leidenschaftliche, aktive junge Frau kennenlernt, sich verliebt, wird zu einer ganz besonderen Geschichte werden, zu einer „Geschichte mit sich selbst“.

Denn nun fragt er sich, ob das angenehme, gewohnte Leben mit Freundin in Osnabrück oder das neue, zu erkundende und (chemisch gesteuert eben) ihn hinziehende Erleben mit Fe in Kanada der nun wichtige Weg wäre. Ob er dem nicht einfach so nachgehen sollte.

 

Fragen, die durchaus beim Leser nicht auf unbekanntes Terrain fallen.

 

Mitsamt dem Hin und Her, mitsamt der Lust auf das Neue, das Berauschende und der Angst vor dem Verlust, dem Schritt ins Unbekannte.

Und plötzlich steht da eine, die all das verkörpert, was das beschaulich bürgerliche Leben noch nie hergegeben hat.

Wo das Adrenalin rauscht, die Hormone zur Attacke blasen und die Weite Kanadas (als Metapher für die mögliche Weite des Lebens und Liebens) vor Augen liegt. Und doch das mittelmäßige Leben sich nicht entscheiden, sich nicht wirklich lösen kann (so kann der Leser die biochemischen Erläuterungen im Buch auch als Versuch des Sicherheitsdenkens deuten, all dieses Überwältigende doch lieber in die Sphäre des rein rational erklärbaren und damit kontrollierbaren zu ziehen und damit zu „entzaubern“).

 

Eine Reibung in Lambert, die Folgen haben wird.

 

„Seitdem er nach der gemeinsamen Nacht aufgewacht war und sich zu seinem Erstaunen alleine im Bett befunden hatte, war er Fe einfach hinterhergelaufen, besinnungslos, ohne zu überlegen, was er von ihr wollte“.

 

Deutlich an Tempo auf nimmt das Buch, als sich Lambert, der sich  nicht entscheiden kann, der ständig rational versucht, abzuwägen, plötzlich Lambert2 gegenübersteht. Seinem Alter Ego, der Abspaltung seiner Lust.

Und nicht nun zwei Lamberts eben zwei Leben leben, sondern der eine, neue, wagemutige sich dem Neuen hingibt während der andere, alte, weiterhin eher mit der Unschlüssigkeit zu kämpfen hat. Mit aufreibenden Folgen für beide.

 

Und dem Erleben auch, dass es „echte Wildheit“ eigentlich gar nicht wirklich gibt. Da draußen. Wohl aber „da drinnen“.

 

Auch wenn nicht jede Passage geglückt ist, auch wenn das Buch hier und da, gerade in der Anfangsentfaltung, Längen aufweist, diese beiden wesentlichen Fragen menschlicher Erfahrungen, was Liebe ist und mit welcher Kraft sie wirkt und wie „Seele“ und „Fleisch“, Sehnsucht und Sicherheitsdenken, Leben aus der Kraft der Emotion und Leben als „versorgte Haltung“ im Menschen tatsächlich reiben, das hat Lendle lesenswert zum Thema gesetzt. Mit allem an Verwirrungen und Aufreibung, was dazu gehört.

 

M.Lehmann-Pape 2013