Suhrkamp2016
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Joanna Bator – Dunkel, fast Nacht

 

Die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Welt

 

Da ist diese kleine, polnische Stadt, Heimat von Alicja Tabor, einer weit gereisten, auf dem „Stand der Zeit““ stehenden Journalistin. Die weiß, wie es auf der Welt aussieht, die in der „Moderne“ aktiv mitmischt.

 

Und doch, lange war sie nicht mehr hier, doch auch die „alte“ Alicja ist noch in ihr. Aus den einfachen Verhältnissen in dieser Stadt, mit Erinnerungen an ihre Schwester, heißgeliebt, die sich das Leben nahm, vor so langer Zeit.

 

In der Vertrautheit mit dem Vater, der nach diesem Ereignis nicht mehr der gleiche war, der wieder und wieder diesen enttäuschten Blick hatte, wenn ´die Tür aufging und jene tote Tochter nicht wiederkehrte.

 

„Bring mich zum Tierarzt und lass mich einschläfern“. Dass die Worte der Schwester, di für Alicja damals als junger Mensch kaum zu fassen, zu verarbeite war, wie das gesamte Geschehen.

 

Und nun ist sie wieder da. Nutzt den Schlüssel, den sie fast zwei Jahrzehnte überall bei sich getragen und nie benutzt hat, und schließt die Tür zum Elternhaus auf. Und schon mit dieser Handlung beginnt auch, dann stärker werdend, die unheimliche Atmosphäre, der dunkle Aberglaube, die dunklen Ecken am Ort und im Leben lebendig zu werden.

 

Dies und alte Ressentiments, eine dichte Atmosphäre der Ablehnung des Fremden und dem Fremden, Anderen gegenüber wir immer tiefere Kreise ziehen.

 

Als Journalistin kehrt sie vordergründig in die Stadt zurück. Kinder sind verschwunden, ein Verbrechen scheint im Raum zu stehen, die Menschen in heller Aufruhr. Und mit diesem Geschehen wird sich Alicja beschäftigen (und einen durchaus anregenden Thriller-Anteil im Buch dafür erhalten.

 

Doch noch tiefer liegt ihr Motiv.

 

„Der Plüschbär lag jetzt vergessen und klamm im Keller und sah mich im Schein der Taschenlampe an“.

Was ist damals geschehen? Was trieb die Schwester in den Tod?

 

Das ist die eigentliche Frage, der sich Alicja stellt. Und mit ihr der Leser durch die bildkräftige, melancholische, Stimmungen auf den Punkt treffende Sprache der Autorin.

 

In eine Situation eines fast kollektiven „Wegdriftens“, in der Freund und Feind nur schwer auszumachen sind und alte Trauma in neuem Gewand höchst lebendig ihr Unwesen treiben.

 

Eine Recherche, eine doppelte „Fall-Aufklärung“, die in keiner Form einfache Antworten in sich tragen wird und in der noch ein weiteres, tieferes zum Tragen kommt, sich hervorschält.

 

Das „Damals und Heute“ (was auf verschiedenen Zeitebenen im Buch erzählt wird), betrifft nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern die gesamte Welt anhand dieser kleinen Stadt in Polen. Wo vordergründig die Zeit stehen zu bleiben scheint, der Nachbar noch genauso fürsorglich um die Ecke schaut und Alicja mit der gleichen Mütze begrüßt, wie sie es aus ihrer Kindheit gewohnt war. Wo alte Regeln, der Versuch, das Leben nach bekannten und überlieferten Formen zu leben versucht wird und doch nur Isolation mehr und mehr hervortritt. Auf diese Stadt gesehen und in dieser Stadt bei den Menschen.

 

Denn die digitalen Medien sind ja da, diese unmerkliche Verrückung der Mentalität, irgendwo „da draußen“ nun immer einen zu finden, der die eigenen Gedanken und Ansichten stützt und teilt. Womit die enge, soziale Gemeinschaft und auch Kontrolle in der Stadt sich auflöst. Jeder für sich sich seine Bilder und Gedanken macht. Was Bator nicht mit Wehmut bewertet, sondern glänzend einfach nur zu illustrieren, zu schildern versteht. Wie die „moderne Welt“ sich darstellt im Vergleich zur Blaupause der „alten Sitten“ und sozialen Zusammenhänge. Und wie di dunklen Dinge der „alten Zeit“ kräftig überlebt haben in neuem Gewand und weiterhin die Regeln vorzugeben scheinen.

 

Schon die Fahrt mit dem Zug in die alte Heimat bringt dieses Verwirrte, dieses „aus der Zeit gefallen sei“ sehr realistisch greifbar für den Leser in den Raum, mit dem nicht versiegenden Schwall der Worte der burschikose Mitreisenden inmitten eines modernen Ambientes. Ohne zu zögern wird da geredet. Selbstgewiss, ignorant, auch mit unterschwelliger Aggression.

 

Ob so die Welt nun ist und bleibt? Gerade angesichts der „neuen“ polnischen Politik der Abgrenzung, des Fremdenhasses fast?

 

Tiefe Fragen, eine hervorragende Sprache und ein kühler Blick auf mögliche, andere Wege inmitten der Ver-rückheit, eine sehr lesenswerte Lektüre.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016